Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg
Vereinszweig Ostwürttemberg

Johann Sebald Baumeister um 1810: Ansicht der Stadt Schwäbisch Gmünd im Remstal von Nordosten.
Keuper und Unterjura von Schwäbisch Gmünd

Die Rems fließt blau vor der Stadtmauer. Der höchste Bau der ummauerten Stadt Schwäbisch Gmünd ist das Münster mit dem hohen, langen Dach. Es steht auf Geröllen, die der Tierbach (auch Tierach) aus Bergen ins Tal anschüttet. Das meiste Bachwasser leitet man bei einer mittelalterlichen Stadterweiterung in einen Stadtgraben an die nach Westen vorgerückte äußere Stadtmauer um, dieser tiefe, jetzt für die Landesgartenschau angehobene Bachlauf heißt früher Tierbach (Werfer 1813: S. 34), heute Josefsbach oder Waldstetter Bach. Er mündet gegenüber der Pappelallee in die Rems. Aus dem Tal steigt links der Keuper in den beschatteten Zeiselberg auf, jenseits vom Tal des Waldstetter Bachs in den sonnenbeschienenen Straßdorfer Berg. An der scharfen Oberkante dieser Berghänge beginnt der Unterjura (Schwarzjura) und verebnet sich. Den Fuß der drei kegelförmigen Berge Stuifen, zweigipfeliger Rechberg und rechts Hohenstaufen bildet der Mitteljura (Braunjura). Ihre Hänge und Gipfel sind Oberjura (Weißjura), ebenso die im Hintergrund aufragende zusammenhängende Bergkette der Schwäbischen Alb (Albtrauf).

 

 

 

Blick von Iggingen über die Verebnung vom Unterjura nach Herlikofen (Kirche rechts), eingeschnitten dazwishen das Keuperwaldtal vom Airlighofener Bach. Im Nebel der Mitteljura am Fuß vom Rechberg. Im Oberjura seine zwei Gipfel (Kirchberg mit Wallfahrtskirche, Schlossberg mit Burg rechts).


Ob übrigens die so häufig vorkommenden sogenannten Petrefakten wirkliche Versteinerungen ehemaliger lebender Thiere sind, oder ob nicht vielmehr solche mehr oder weniger in ihren äußeren Umrissen Thierkörpern oder Thiergehäusen ähnelnde Produkte nur als die ersten Versuche der Natur Thiergebilde hervorzubringen, und als Momente, womit die Natur allmählich ins individuelle Leben übergeht, zu betrachten seyen? - Der Gmünder Stadtphysikus Dr. Franz Joseph Werfer (1778-1823) im Jahr 1813.



Ammonit mit Kopf, Fangarmen und Gehäuse aus Scherzer (1922: S. 42)

GEOLOGIE. Das schwäbische Hügelland bauen Schichten des Muschelkalks und des Keupers, die Schwäbische Alb des Juras auf. Am Übergang der beiden Schichtstufen liegt Schwäbisch Gmünd im Remstal. Aus dem Tal steigen steile Keuperhänge auf, unten helle, feste Stubensandsteine, darüber rote, zu Rutschungen neigende Knollenmergel, die Hangoberkante aus harten, braunen Felsen. In ihnen beginnt der Unterjura, auf ihnen liegen oben graue bis braune Lehme auf und breiten sich in Ebenen aus. In der Jurazeit hat ein Meer diese Gegenden bedeckt. Aus dem Jurameer findet man Versteinerungen von Meerestieren wie Krebsen, Muscheln, Schnecken, Korallen oder Seelilien (Tiere!). Besonders aber Belemniten und Ammoniten, heute ausgestorbene Weichtiere aus der Klasse der Kopffüßer, den rezenten Tintenfischen am nächsten verwandt. Die Gehäuse der Ammoniten ähneln Hörnern männlicher Schafe Ovis ammon, sie sind gekammert mit nach außen austretenden Scheidewänden, der Kopf der Tiere mit guten Augen und Fangarmen versehen. Manche Arten der artenreichen Gruppe haben sich (in geologischen Zeitmaßstäben betrachtet) schnell auf neue Umweltbedingungen spezialisiert, sind aber mit deren Änderungen ebenso schnell wieder ausgestorben. Gerade diese spezialisierten Arten sind zur zeitlichen Gliederung und Ordnung der Gesteinsfolgen vorzüglich geeignet als Leitfossilien oder Zonenleitarten der Schichtenfolge und in die folgende Tabelle aus dem Buch von Werner K. Mayer (2010) über den Gmünder Unterjura zusammengestellt.

Zonentleitart der Turneritone: Ammonit Asteroceras obtusum.
Zonenleitart der Arietenkalke: Ammonit Arietites bucklandi.

Hauptstufe. Unterstufe. Alte württembergische Gliederung. Gesteinsausbildung
Zonenkürzel. Zonenleitarten (Leitfossilien).

UNTERJURA: Toarcium. Jurensismergel. Lias zeta. Aschgraue Mergel mit knolligen Steinmergel- und Mergelkalklagen.

tc2c: Ammoniten Cotteswoldia aalensis. Dumortieria levesquei. Hammatoceras insigne.
tc2b: Ammonit Grammoceras thouarsense.
tc2a: Ammonit Haugia variablilis.
Posidonienschiefer. Lias epsilon. Oben dunkelgraue, bitumenhaltige Schiefer, in der Mitte auch Kalkbänkchen, unten Mergel. tc1c: Ammonit Hildoceras bifrons.
tc1b: Ammonit Harpoceras falcifer.
tc1a: Ammonit Dactylioceras tenuicostatum.
Pliensbachium. Amaltheenton. Lias delta. Dunkelgraue Schiefertone, manchmal hellere Kalkbänkchen eingelagert. pb2b: Ammonit Pleuroceras spinatum.
pb2a: Ammonit Amaltheus margaritatus.
Numismalismergel. Lias gamma. Aschgraue Mergel, dazwischen graue, festere Bänke und oft hellgraue Fleckenmergelbänke. pb1c: Ammonit Prodactyloceras davoei.
pb1b: Ammonit Tragophylloceras ibex.
pb1a: Ammonit Uptonia jamesoni.
Sinemurium. Turneriton. Lias beta. Dunkelgraue, blättrige Schiefertone. si2d: Ammonit Echioceras raricostatum.
si2c: Ammonit Oxynoticeras oxynotum.
si2b: Ammonit Asteroceras obtusum (Bild oben).
Arietenkalk. Lias alpha3. Harte, zum Teil kristalline Kalkbänke. si2a: Ammonit Caenisites turneri.
si1b: Ammonit Arnioceras semicostastum.
si1a: Ammonit Arietites bucklandi (Bild oben).
Hettangium. Angulatensandstein. Lias alpha2. Hellblauer, verwittert gelbbrauner Sandstein. he2b: Ammonit Schlotheimia angulata.
he2a: Ammonit Alsatites liasicus.
Lias alpha1. Psilonotenton.Tonmergel, dunkelgraue, harte Kalkbänke. he1: Ammonit Psiloceras planorbis.

KEUPER: Mittlerer Keuper. Knollenmergel. Weinrote Tonmergel, Kalkknollen eingelagert, feucht bindig, austrocknend Risse bildend, im Hang oft rutschend (Trauzettel 1962).

km5. Keine Versteinerungen von Lebewesen, die zu Zonenleitarten bestimmt werden könnten.
Stubensandstein. Grob- bis feinkörnige Sandsteine mit kieseligen, oft auch kalkhaltigem Bindemitteln, oft mit knollenmergelartigen Zwischenlagen. km4. Ebenso.

Staufische Madonna auf der Gmümder Johanniskirche, 1210-1230, Romanik.
Levi-Madonna aus Schrezheimer Fayence, 1771, Rokoko.


KUNSTWERKE AUS UNTERJURA. Aus hartem Angulatensandstein gehauen ist die thronende Staufische Madonna der Gmünder Johanniskirche, Entstehungszeit dieser Skulptur in der Romanik von 1210 bis 1230, Höhe 1,3 Meter. Der Jesusknabe hält in der einen Hand einen Apfel, von Eva auf Überredung der Schlange vom paradiesischen Baum der Erkenntnis gepflückt, zeigt mit der zweiten auf seine Mutter Maria, der neuen Eva. In Neunheim beim Ellwangen gräbt Johann Baptist Bux (1716-1800) aus dem Unterjura weiche Turneritone, formt sie zu Plastiken, versieht sie mit Glasur und brennt sie in Schrezheim bei Ellwangen zu Schrezheimer Fayencen. Darunter ist die Levi-Madonna von 1771 aus der Zeit des Rokoko, ihr Modell von Johann Martin Mutschele (geboren 1733 in Bamberg) gefertigt, Höhe 1,4 Meter. Die Schlange schlängelt um die Weltkugel auf einen Apfel zu, darauf steht Maria, trägt den Jesusknaben, er hebt ein Kreuz zum Zeichen seines künftigen Kreuzestods. Früher in eine Hausnische in Wolframs-Eschenbach aufgestellt, erwirbt diese Fayence der Münchner Fayencensammler Igo Levi (1887-1961), erhält sie nach Ende der Nazi-Zeit zurück, veräußert sie kurz vor seinem Tod. Seit 1962 ist sie im Museum of Fine Arts in Boston ausgestellt, das schönste Werk der Schrezheimer Fayencemanufaktur, ja wohl der deutschen Fayencekunst überhaupt.

SCHRIFTEN. Geologie. Fraas, Eduard (1913): Leitfaden für den Geologischen Unterricht in den württembergischen Schulen. - Stuttgart (Verlag des Württembergischen Lehrervereins für Naturkunde), 58 S. + 8 Tafeln mit Versteinerungen. Didaktisch vorzügliche Übersicht. - Scherzer, Hans (1922): Erd- und pflanzengeschichtliche Wanderungen durchs Frankenland II. Teil: Die Juralandschaft. 1. Band. - Nürnberg (Spindler), 192 S. - Frank, Manfred (1942): Der Gesteinsaufbau Württembergs. Eine Einführung in praktisch-geologische Fragen, insbesondere für Bau- und Bergingenieure, Chemiker und Forstmann. - Stuttgart (Schweizerbartsche Verlagsbuchhandlung), 168 S. - Trauzettel, Gerhard (1962): Die Rutschungen der Württembergischen Knollenmergel. - Stuttgart (Arbeit Nr. 32 aus dem Paläonthologischen Institut der Technischen Hochschule), 183 S. + 12 Faltblätter. Rutschungsursache sind Gleichgewichtsstörungen der Hänge. Typologie der Rutschungen in Gleitflächenbruch-Rutschung, flache Schuttrutschung, Rutschungsfließung. Biologische Stabilisierung mit flach- wie tiefwurzelnden Pflanzen. - Mayer, Werner K. (2010): Der Unterjura in der Umgebung von Schwäbisch Gmünd. - München (Verlag Dr. Friedrich Pfeil), 256 S. Beschreibt Stellung des Unterjuras im Gefüge der Erdkruste, Gliederung in Schichtstufen, wichtigste Fossilgruppen, Nutzung der Unterjuragesteine für Handwerk, Bauwesen, Industrie und Kunst, enthält Biografien der Sammler und Forscher und schönste Fossilienfotos und ein Verzeichnis aller wichtigen Vorgängerschriften.

Johann Sebald Baumeister (1775-1829). Selbstporträt.

Naturgeschichte. Werfer, Franz Joseph (1813): Versuch einer medizinischen Topographie der Stadt Gmünd an der Rems im Königreich Württemberg. - Schwäbisch Gmünd (gedruckt bei Johann Georg Ritter), [3] + 293 S. + 1 gefaltetes Blatt + 2 farbige Kupferstiche. Das Buch ist bloß von vier öffentlichen Bibliotheken bekannt, darunter dem Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, wegen seiner Seltenheit bisher kaum für die Wissenschaft benutzt worden. Jetzt im Internet. Der ganz oben zitierte Satz von S. 223. - Fischer, Hermann (1908): Schwäbisches Wörterbuch. Zweiter Band. - Tübingen (Verlag der Lauppsche Buchhandlung), 1904 Spalten. - Fischer, Hermann (1913): Schwäbisches Wörterbuch. Vierter Band. - Tübingen (Verlag der Lauppsche Buchhandlung), 2098 Spalten. Nach Spalte 1863 Näber = Bohrer. - Klein, Walter (1948): Bilder aus Alt-Gmünd. - Lorch (Alfons Bürger Verlag), 148 S. Auf S. 37 Biografie von Johann Sebald Baumeister, Maler der obigen Gmünder Stadtansicht: Am 2. Oktober 1775 in Augsburg geboren, wird 1805 zum öffentlichen Zeichenlehrer nach Gmünd berufen, stirbt dort am 9. März 1829. Neben vielen Ansichten von Gmünd und Umgebung schafft er drei Skizzenbücher mit Federzeichnungen Gmünder Bürgertypen, worin er sich selbst als Vierzigjähriger lustig abbildet mit gebogener Nase, Nickelbrille, eirundem Kopf (Bild). - Werfer, Franziska (1974): Die Familie Werfer in der Geschichte der Stadt Ellwangen. - Ellwanger Jahrbuch 25: S. 321-391. Auf S. 341-355 Biografie von Dr. Franz Joseph Werfer (1778-1823) und seiner Frau Therese geborene Schmid (1773-1854). - Lahnstein, Peter (1980): Württemberg anno dazumal. Streifzüge in die Vergangenheit. - Stuttgart (W. Kohlhammer), 196 S. Zeigt und bespricht auf S. 38f. die Gmünder Stadtansicht Baumeisters. - Spranger, Peter & Klaus Graf (1984): Schwäbisch Gmünd bis zum Untergang der Staufer. In: Herrmann, Klaus Jürgen (Herausgeber): Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd: S. 53-86. - Stuttgart (Konrad Theiss Verlag), 660 S. Aus S. 67ff. die Bach- und Wasserbaugeschichte von Tierach (Tierbach, Josefsbach, Waldstetter Bach) geologisch und hydrologisch erschlossen für obige Bildunterschrift. - Rodi, Dieter (2010): Landschaft, Boden und Vegetation des Unterjuras um Schwäbisch Gmünd. - In: Werner K. Mayer (2010): S. 154-161. - Schweigert, Günter, Thomas Balle & Hans Mischke (2010): Einsame Koralle [über Fund von Trigerastraea in Westhausen]. - Fossilien. Zeitschrift für Hobbypaläonthologen. Jahrgang 2010, Heft 6: S. 348-353.

Zweiblättriger Blaustern Scilla bifolia im Ellwanger Schlossgarten.

Botanik. Besler, Basilius (1613 in zwei Auflagen erschienen, erste dem Eichstätter Fürstbischof Conrad von Gemmingen, zweite seinem Nachfolger Christoph von Westerstetten gewidmet): Hortus Eystettensis. - Eichstätt & Nürnberg (Verlag des Autors), Titelkupfer + 4 Zwischentitelkupfer + 367 Kupferstiche mit 1084 Figuren + rückseitige Texte. Zeigt auf Tafel 37, Figur IV Scilla bifolia unter dem Namen Hyacinthus parvus stellatus vernus aus dem Eichstätter Bischofsgarten, auf der Willibaldsburg über dem Altmühtal gelegen. Anmerkung: Im Schloss Ellwangen findet man die alte Schlossgartenpflanze noch im Schlossgarten auf der Ostbastei (Bild). Das Schloss Heuchlingen im Leintal ist ein Ellwanger Amtsschloss. Aus Verwilderungen aus diesem und weiteren Leintalschlössern kann man das Vorkommen von Scilla bifolia in das Leintal am einfachsten und besten erklären, da disjunktes, isoliertes Vorkommen. - Kreh, Wilhelm (1938): Verbreitung und Einwanderung des Blausterns (Scilla bifolia) im mittleren Neckargebiet. - Jahreshefte Verein vaterländische Naturkunde 94: S. 41-94. Vorkommen des Leintals in Wiesen und Obstgärten isoliert von anderen Vorkommen des Neckargebiets. Erklärt disjunkte Verbreitungen mit unvollständiger Einwanderung, welche Erklärung ihn aber später selbst nicht mehr voll befriedigt (Sebald u. a. 1998. S. 133). Anmerkung: Kultur in Schlossgärten, Verwilderungen und Anpflanzungen draus nicht angesprochen, vom Autor offenbar übersehen. - Sebald, Oskar, Siegmund Seybold, Georg Philippi & Arno Wörz (1998): Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs. Band 7. - Stuttgart (Eugen Ulmer), 596 S.

Kulturgeschichte. Birlinger, Anton & Michael Buck (1861): Sagen, Märchen und Aberglauben. Volkstümliches aus Schwaben 1. - Freiburg im Breisgau (Herdersche Verlagshandlung), 534 S. - Paulus, Eduard & Eugen Gradmann (1907): Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg. Inventar Jagstkreis. Erste Hälfte. - Essliugen am Neckar (Verlag Paul Neff/Max Schreiber), 767 S. S.415-419 Beschreibung von Salvator und Nepperstein. - Scheeben, Heribert Christian (1931): Albert der Große. Zur Chronologie seines Lebens. - Vechta (Albertus-Magnus-Verlag), 167 S. S. 123ff.: Albert macht 1279 sein Testament mit den oben genannten Erbschaften an die Dominikanerinnenklöster Würzburg, Augsburg und Schwäbisch Gmünd (Gotteszell) und ertwähnt darin die päpstliche Befreiung, eigenes Eigentum zu erwerben. - Swarzenski, Hanns (1965): A Frankish Faience Madonna. - Bulletin of the Museum of Fine Arts Boston 63 , Nr. 334: S. 183-195. Beschreibt die Levi-Madonna aus Schrezheimer Fayence. Auf S. 183 Rainer Rückert zitiert, Leiter der Keramiksammlungen des Bayerischen Nationalmuseums, wonach dieses Werk das schönste der deutschen Fayencekunst überhaupt ist. Anmerkung: Der in Bamberg geborene Modelleur Johann Martin Mutschele ist Franke, die Schrezheimer Fayencemanufaktur schwäbisch. - Nagel, Gert K. & Hans Erdner (1972): Die Fayencefabrik zu Schrezheim 1752-1865. - Ellwangen (Schwabenverlag), 214 S. S. 19, 20 und 68 über die Levi-Madonna. - Akermann, Manfred (1977): Bauzeugen der Stauferzeit im östlichen Schwaben. - Stuttgart (Konrad Theiss Verlag), 100 S. + Karte. S. 34f. Beschreibung und Abbildung der Staufischen Madonna der Gmünder Johanniskirche. - Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd (ohne Jahr): Klöster in der ehemaligen Reichsstadt Schwäbisch Gmünd. - Schwäbisch Gmünd (Stadtarchiv), 18 S. S. 4: Das von Albertus Magnus beerbete Dominikanerrinenkloster vor 1246 gegründet nach der Augustinusregel, hat später zur Regelung des klösterlichen Zusammenlebens die Dominikanerregel angenommen. Anmerkung: Der Übergang ist Alberts Testament zufolge vor dessen Testamentsjahr 1279 geschehen. - Kugelart, Konrad mit einem Beitrag von Jörg Romer (um 1997): Kirchenführer St. Antonius-Kapelle in Schrezheim. - Ellwangen (Schwabenverlag), 16. S. Bespricht den Fayencealtar dieser Kapelle, zweites Hauptwerk der Schrezheimer Fayencemanufaktur nach der Levi-Madonna. Auf S. 15 Abbildung des Grabsteins vom Gründer dieser Fabrik Johann Baptist Bux. - Lorenz, Söhnke (2003): Die Alemannen auf dem Weg zum Christentum. In.: Die Alemannen und das Christentum (Herausgeber Söhnke Lorenz und Barbara Scholckmann). Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 48 Quart 2. Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Nr. 71: S. 65-111. - Stuttgart (DRW-Verlag), 168 S.

Albertus-Magnus-Tagung in Schwäbisch Gmünd
Samstag, 13. November 2010
Keuper und Unterjura von Schwäbisch Gmünd und Umgebung.
Geologie, Fauna, Flora
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EXKURSION ZUM SALVATOR UND INS TAUBENTAL

Felsenkapellen auf dem Salvator von Johann Sebald Baumeister um 1820

Rund fünfzig Naturfreunde begrüßten Dipl.-Ing. Hans Wolf, Leiter des Vereinszweigs Ostwürttemberg der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, und Prof. Dr. Friedrich Bay, Vorsitzender des Naturkundevereins Schwäbisch Gmünd. Werner K. Mayer vom Naturkundeverein führte zum Sankt Salvator, einem Gmünder Wallfahrtsort am rechten Hang über dem Remstal. Dort stehen Felsen aus Stubensandstein. Sie nennt der Gmünder Stadtphysikus Franz Joseph Werfer (1813: S. 30) den Epperstein; so ein Name gehört meistens zu den alten Personennamen Eppo oder Eppe (Epple) nach Fischers Schwäbischem Wörterbuch (1908: Spalte 747). In seine Felswände sind mehrere Höhlen eingegraben. Die zwei größten zur Unter- und Oberkapelle der Wallfahrtsstätte ausgebaut. Den Gottesdienst darin führt die Sage in die Tage der Einführung des Christentums und seiner Verfolgungen zurück; von einer Lyoneser Christenverfolgung im Jahr 177 berichtet Bischof Irenäus von Lyon und von Christengemeinden, die selbst in den Provinzen Germania superior (und inferior) den rechten Glauben besitzen (Lorenz 2003: S. 68). Gleich über der obergermanischen Grenze liegt Gmünd in der römischen Provinz Rätien, der Salvator an der römischen Grenzmauer, unten im Remstal das Römerkastell Schirenhof. Sichere Nachweise der Salvator-Wallfahrt gibt es freilich erst seit dem 15. Jahrhundert (Gradmann 1907: S. 415).

Garten der Buhlschen Villa aus zweiter Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Nepperberg.

Der Salvator steht auf dem Nepperberg. Sein Name kommt vom Epperstein, oder von Neberberg und Nepper-Berg, so wie diesen Berg die Urkarte um 1830 bezeichnet; Nepper ist nach Fischers Schwäbischem Wörterbuch (1913: Spalte 1863) ein Bohrer. Höhlen sind in die Felsen aus Stubensandstein eingebohrt (Foto oben).

Der Näberle auf St. Salvator (Birlinger & Buck 1861: S. 160-161): Auf dem Salvator bei Gmünd ist der Kreuzweg. Bei der Station: "Die Kreuzigung Christi" ist eine Figur unten am Kreuze mit Bohren beschäftigt. Die Figur heißt unter dem Volke nur der "Näberle". Wenn Kinder hinaufgehen, so muß ihn jedes anspeien, und es würde sich's zur Sünde rechnen, wenn es dasselbige nicht gethan hätte. Man erzählt auch folgenden Spaß: Der Näberle wurde einmal gestohlen und mit seinem Bohrer unter einen Baum gesezt in der Nähe von Gmünd. Von einem Jäger für gefährlich gehalten, wiederholt angerufen, bekam der Näberle, als er keine Antwort gab, einen Schuß in den Nacken. Bald wurde er wieder auf den Salvator hinaufgeschafft und seine Wunde vernagelt, was man jezt noch sieht. - Fußnote dazu: Näberle, d.h. der Bohrende; noch in einigen Gegenden Schwabens heißt der Bohrer "Näpper"; im Mittelhochdeutschen [der im Hochmittelalter zur Stauferzeit in Süd- und Mitteldeutschland gesprochenen Sprache] ist naben, genaben = bohren. ... "Näpere" heißt in Wurmlingen und Umgegend die aus Langweil gemachte bohrende Bewegung der Finger: "was näprist älleweil am Duech 'rum?"

Über den Höhlenzweck weiß man nichts, sicher ist von anderen Orten nur, dass man früher Stubensandstein ausgebrochen, gemahlen und zum Aufstreuen und Ausfegen der alten hölzernen Stubenböden verwendet hat. Auf den Nepperberg baut 1863 der Gmünder Kaufmann Johannes Buhl (1804–1882) die Buhlsche Villa. Ihren Garten überwuchtert später die Wildnis. Jetzt wird er von den neuen Eigentümern liebevoll gepflegt, darin sprudeln Quellen, laufen Brunnen, überrieselt ein Bach die Felsen. Der erneuerte Buhlsche Garten mischt sanft die Natur von aufblühenden Wildpflanzen mit der Kultur mannigfacher Gartengewächse, so besonders Tulpen, Lilien und Rosen zu märchenhafter Gartenidylle. Ungern verlässt man den zauberhaften Garten in das von Technik, Computern und Internet entzauberte Remstal.

In das Remstal mündet oberhalb vom Salvator das Taubental ein. Diesen Gmünder Stadtwald besuchen viele Gmünder zu gesunder Leibes- und Geistesorganisation, jeder der zwei Teile eine vita propria (Goethes Maximen und Reflexionen). Ihren Leib und seine Grenzen erforschen Jogger, Runner, Nordicwalker, Mountainbiker und Marathonläufer. Zum geistigen Erleben auch der äußeren Natur wandern und spazieren Kinder und ihre Eltern geruhsam auf dem Erlebnispfad Naturatum und verweilen an Stationen wie Baumarten, Fuchsbau, Geologie und Boden, Barfußpfad, bei den Spechten, in Schlucht und Bach. Man tritt unten im Tal aus dem Wald heraus. Der bisher freifließende Taubenbach ist sogleich verdolt, über die Verdolung (Dole ist schwäbisch gleich Rohr) ist Gras eingesät zum dromophilen Rasenmähen. Man könnte, ja sollte den Bach aufmachen, sein lebendiges Wasser offenlegen bis an den Punkt, wo er unter die Straßenfläche verlegt ist und erst wieder an seiner Einmündung in die Rems an das Tageslicht tritt.

Aus den Numismalismergeln: Krebs
Eryma numismalis.
Aus den Amaltheentonen: Schnecke Pleurotomaria amalthei.

VORTRÄGE IM PREDIGER

Das ehemalige Dominikanermännerkloster ist jetzt städtisches Kulturzentrum. In seinem Refektorium begrüßte Bürgermeister Dr. Joachim Bläse von der Stadt Schwäbisch die Tagungsteilnehmer. Dipl.-Ing. Hans Wolf berichtete über die jährlichen Albertus-Magnus-Tagungen des Vereinszweigs Ostwürttemberg der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg und ihre Benennung nach dem ostschwäbischen, 1193 in Lauingen an der Donau geborenen und 1280 in Köln gestorbenen Dominikanermönch und Naturforscher Albertus Magnus. Im Januar 1279 hat er sein Testament errichtet und neben anderen Vermächtnissen Legate (Erbschaften) an die Dominikanerinnenklöster St. Katharina in Würzburg, St. Marx in Augsburg und Gotteszell in Schwäbisch Gmünd gemacht. Dass er zuvor die Gmünder Dominikanerinnen und die Stadt Gmünd auf einer oder mehrerer seiner vielen Reisen besucht hat, kann als fast sicher gelten. Dass Albert als Mönch persönliches, vererbares Eigentum gehabt hat, ist eine päpstliche Befreiung vom Mönchsgelübde der Armut, die er in seinem Testament erwähnt.

Aus den Jurensismergeln: Koralle der Gattung Trigerastraea

Werner K. Mayer vom Naturkundeverein Schwäbisch Gmünd führte durch eine Ausstellung über den Unterjura von Schwäbisch Gmünd. Ungefähr 25 Millionen Jahre lang bedeckt das Jurameer das heutige Gmünd mit Verbindung zu großen Ozeanen, das Klima war subtropisch, das Wasser wohl 20 bis 25 Grad dauerwarm, Folge der damals anderen Verteilung von Land und Meer. Fossilfunde versteinerter Meerestiere aus dem Unterjura hat man in letzten Jahrzehnten in reicher Zahl gemacht, sind doch überall Siedlungen und Bauten aus den fossillosen Keupertälern auf die Jurahöhen hinaufgewachsen. Die Hauptgruppe der Petrefakten bilden Ammoniten mit Durchmessern von wenigen bis zu 70 Zentimetern. Besonderheit ist eine Seelilienkolonie der Gattung Seirocrinus, welche Tiere auf einem Baustamm durchs Jurameer getrieben sind (gefunden beim Kanalbau in Böbingen an der Rems1994). Eine weitere Rarität ist ein Stock von Korallen aus dem obersten Toarcium Lias zeta (nicht Opalinuston Dogger alpha) wahrscheinlich aus der Gattung Trigerastraea (Schweigert, Balle & Mischke 2010), Nesseltiere in warmem, sauerstoff-, licht- und salzreichen Wasser ähnlich heutigen Korallen, (gefunden beim Autobahnbau in Westhausen 1986). - Ein Buch dazu: Mayer, Werner K. (2010): Der Unterjura in der Umgebung von Schwäbisch Gmünd. - München (Verlag Dr. Friedrich Pfeil), 256 S.

Weiße Pestwurz Petasites albus
Berg-Ehrenpreis Veronica montana

Rippenfarn Blechnum spicant

Udo Gedack vom Naturkundeverein Schwäbisch Gmünd sprach über typische Pflanzen und Tiere beim Salvator und im Taubental. Das Tal hat steile Hänge, ihre Oberkante bildet der Unterjura, die Hangflächen der Knollenmergel und darunter der Stubensandstein. Tierwelt: An Reptilien kommen Ringelnatter in und am Wasser, Schlingnattern, Zauneidechsen und Blindschleichen an trockenen, auch sonnigen Orten vor. In Wasserrinnsalen und feuchter Waldluft leben von Amphibien Feuersalamander, Erdkröte, Grasfrosch. Pflanzenwelt: Am Rand des Taubentals stehen etliche Streuobstwiesen mit dem Wiesen-Salbei Salvia pratensis. Der größte Teil des Tals aber ist bewaldet, von Natur ein Tannen-Buchenwald, natürlich eingemischt Berg-Ulmen Ulmus glabra, künstlich eingebracht viele Fichten Picea abies (und etliche Douglasien Pseudotsuga menziesii, ein aus Amerika stammender Baum, stattliche Exemplare hat man bei der Exkursion gesehen). Die Krautschicht des Waldes steht im Halbdunkel. Aus einigen Bodenhorizonten wird Kalk ausgespült, dort wächst das kalkzeigende Ausdauernde Silberblatt Lunaria rediviva. Gewöhnlich aber ist der Boden kalkarm, Kalkflieher und Säurezeiger sind Rippenfarn Blechnum spicant oder Berg-Ehrenpreis Veronica montana. Wo viel Sickerwasser aus dem Hang austritt, den Boden durchnässt und ihn mit genügend Nährstoffen versorgt, blüht im Vorfrühling die Weiße Pestwurz Petasites albus aus dunkler Schlucht auf.

Acker-Wachtelweizen
Melampyrum arvense

Prof. Dr. Dieter Rodi von der Gesellschaft für Naturkunde und vom Naturkundeverein Schwäbisch Gmünd stellte Landschaft, Boden und Vegetation des Unterjura um Schwäbisch Gmünd im Verhältnis zu Gesteinsart, Boden, Wasserhaushalt und Vegetation vor. Natürliche Vegetation auf den entkalkten, an der Oberfläche verlehmten Angulatensandsteinen ist der Waldmeister-Buchen-Tannenwald. Im Feld stehen auf Steilstufen Hecken aus Schlehen, Hasel, Heckenrosen, Weißdorn, Holunder. In Hecken über Arietenkalksteinen treten Liguster, Roter Hartriegel, Wolliger Schneeball hinzu. Aus Arietenkalkhängen erblühen im Frühlingslaubwald Kalk- und Nährstoffzeiger wie Hohler Lerchsporn, Gelbe Anemone oder Bärlauch, im Leintal bei Heuchlingen und Horn auch der seltene Zweiblättrige Blaustern Scilla bifolia (Anmerkung unten). Über eben ausgebreiteten Arietenkalksteinen trifft man Kalkscherbenäcker an, darin Acker-Wachtelweizen, Acker-Rittersporn und Sommer-Adonisröschen, wo Landwirt Johannes Hudelmaier aus Mögglingen seine Felder noch herbizidfrei zu farbenfoher Ackerflora bewirtschaftet. Turneritone, Numismalismergel und Amaltheentone, Posidonienschiefer und Jurensismergel bilden verwitternd schwere, dichte, speckige, staunasse Lehmböden. Man dräniert, entwässert, lockert sie für den Ackerbau auf. Auf die schwersten Böden baut man Wiesen an. In einigen Nasswiesen wachsen Wiesen-Knöterich und Trollblumen, an Bach- und Grabenrändern Bach-Nelkwurz und Kuckucks-Lichtnelke. Zwischen Mögglingen und Heuchlingen läuft der römische Limes im Jurensismergel durch das Grubenholz. Diese Grenzmauer, von den Alemannen Teufelsmauer genannt, haben die Römer aus ortsfremdem Arietenkalk gebaut, sie zerfällt nach einem großen Alemanneneinfall seit Ende des 3. Jahrhunderts, auf den Fundamentresten steht als Kulturfolger das Bingelkraut, dem Jurensismergel sonst fehlend. - Buchbeitrag: Rodi, Dieter (2010): Landschaft, Boden und Vegetation des Unterjuras um Schwäbisch Gmünd.

Scilla bifolia zwischen Heuchlingen und Horn im Leintal. Schlossgartenpflanze (Basilius Besler 1613: Tafel 37, Figur IV), wohl aus den Leintalschlössern verwildert, welcher Vorgang die Isolierung auf dieses Tal (Kreh 1938) am einfachsten erklärt.