Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg
Vereinszweig Ostwürttemberg

Traubenhyazinthen Muscari in Ostwürttemberg
von HANS WOLF (Ellwangen)

Kleine Traubenhyazinthen Muscari botryoides sind urwüchsige Pflanzen der Schwäbischen Alb, wachsen in lichten Laubwäldern, auf mageren Bergwiesen, auf Heiden des Kalkgebirges. Nach dem harten Albwinter treiben sie im April zwei, selten auch drei Blätter aus der Erde, diese sterben schon gegen Frühlingsende ab, wenn der Wald sich belaubt und dunkle Schatten wirft, Bergwiesen gemäht oder beweidet werden. Um in so kurzer Zeit genügend Lichtenergie zu assimilieren und genügend Assimilate den im Boden weiterlebenden und überwinternden Zwiebeln zuzuführen, sind ihre Blattspreiten nach oben verbreitert.

1. Kleine Traubenhyazinthe Muscari botryoides auf einer mageren Bergwiese der Schwäbischen Alb im Wolfertstal bei Oberkochen (Ostwürttemberg)

Weinbergs-Traubenhyazinthen Muscari neglectum und Schopfige Traubenhyazinthen Muscari comosum haben ihr Verbreitungszentrum im Mittelmeergebiet und strahlen in württembergische Weinbaugebiete ein. Ostwürttemberg hat historischen, doch keinen gegenwärtigen Weinbau, die zwei Arten kommen auf wärmsten Hängen und in etlichen historischen Gärten vor, wo man sie früher als Zierpflanzen gezogen hat gleich dem nahen Eichstätter Bischofsgarten vom Jahr 1613 (Besler 1613: Tafel 42, Figur I; Tafel 49, Figur I). Schon im Herbst treiben sie junge Blätter, diese überwintern, wachsen im Frühjahr weiter, ihnen genügen schmal-linealische Blattspreiten.

Ähnlich ist der Jahreszyklus der herbst-frühjahrsgrünen Blätter der Armenischen Traubenhyazinthe Muscari armeniacum. Ihre Heimat sind der Balkan, Griechenland, Türkei, Kaukasus und Transkaukasien. Man kultiviert diese Pflanzen seit etwa vierzig Jahren in viele ostwürttembergische Gärten. Die Samen verbreiten Ameisen, die Pflanzen haben sich mittlerweile selbst in entlegenste Gärten ausgebreitet, sind in Betonpflanzentröge ohne menschliche Hilfe mit Hilfe der Ameisen emporgewandert.

2. Kleine Traubenhyazinthe Muscari botryoides. Urwüchsige Pflanzenart der Schwäbischen Alb, mit ihren nach oben verbreiterten Blättern von der weitaus häufigeren Gartenpflanze Armenische Traubenhyazinthe Muscari armeniacum zu unterschieden. Foto von Oberkochen. Zeichnung von HW.

1. Muscari botryoides Kleine Traubenhyazinthe. Urwüchsig und selten auf der Schwäbischen Alb. Fundorte im nordöstlichen Ostwürttemberg: "In pratis montanis Lauterburg Mai 1818", auf Bergwiesen (Josef Aloys Frölich, Leiner-Herbar Konstanz Nr. 1509). Ellwangen (Schübler & Martens 1834: S. 226), wohl das ganze Oberamt gemeint und dort die Albberge Erbisberg und Gromberg bei Lauchheim. Lauchheim "in pratis montosis" (Schabel 1836: S. 34). Löwenkeller in Ellwangen (Schabel 1836: S. 34), da außerhalb der Alb gelegen wohl Gartenpflanze oder mit Nr. 2 verwechselt. Kapfenburg, Kösingen, Ohmenheim, Hohenberg, Bungert hinter der Altenbürg (Schnizlein & Frickhinger 1848: S. 200). Zwischen Goldberg und Osterholz, Michelfeld und Hohenberg, Härtsfeldhausen und Schweindorf (Frickhinger 1911: S. 123). Hohenroden bei Essingen, Bartholomä (Straub 1903: S. 44). Lauterburg, Tauchenweiler und Hohenroden bei Essingen, Bernlohe, Unterkochen und Waldhausen oberhalb Aalen, Niesitz bei Neresheim, Riffingen bei Bopfingen (Bertsch 1949). In 1990er und 2000er Jahren (Balters 2001, Brigitta Frey, Thomas Raus, Wolfgang Schmid, Hans Wolf): Wolfertstal und Volkmarsberg bei Oberkochen, Dellenhäule bei Beuren oberhalb Aalen, Härtsfeldhausen, Gromberg, Erbisberg, Gangolfskapelle bei Lauchheim. Standorte: Wächst auf fetten, kalkreichen Böden in lichten Laubwäldern und an Laubwaldrändern, auf Schafweiden (selten), auf mageren Bergwiesen (Wolfertstal). Naturschutz: Bergwiesen der Schwäbischen Alb wurden früher im Juli einmal jedes Jahr gemäht. Solche Mähder genannten Magerwiesen haben durch Ausbringen von Kunstdüngern und Überführung in mehrschnittige Fettwiesen (Gradmann 1910), Aufforstungen und Zuwachsen mit Wald überall abgenommen, es gibt bloß noch wenigste davon. Die ostwürttembergischen Kleinen Traubenhyazinthen sind vom Aussterben bedroht! Im Jahr 1613 noch hat man sie im Garten des Eichstätter Fürstbischofs (Besler 1613: Tafel 50, Figur III), vielleicht 1836 noch im Garten des Ellwanger Löwenkellers (Schabel 1836: S. 34) kultiviert. Derzeit sind sie nirgends mehr Gartenpflanze, können sich in Gärten gegen die härteren, früher austreibenden Armenischen Traubenhyazinthen nicht mehr behaupten.

3. Weinbergs-Traubenhyazinthe Muscari neglectum. Rechenberg.

2. Muscari neglectum Weinbergs-Traubenhyazinthe. Im benachbarten Schwäbisch Hall: "Halae suev. 1825" (Frölich, Leiner-Herbar Nr. 1510). In Ostwürttemberg sehr selten: In Heubach auf dem Scheuelberg (Straub 1903: S. 44). In Riesbürg auf dem Riegelberg in südexponiertem Kalkmagerrasen, der heute Schafweide ist, früher Acker oder gar Weinberg war, sichtbar an terrassenförmigen Beetaufwölbungen (Hans Wolf 2005, 2006, 2007). In Rechenberg außen an der Schlosskirche in sehr steiler Mähwiese (Hans Wolf 2011), wohl Relikt des nicht mehr bestehenden Schlossgartens. Dort gute Vergleichsmöglichkeit zu Muscari armeniacum, das in umliegenden Gärten etwas früher und zahlreicher aufblüht: Muscari neglectum hat verschiedenfarbige sterile und fertile Blüten, die zweiten gehen in zylindrische Form über, noch ehe sich der Blütenstand mit zunehmender Reife verlängert, dabei schlägt der Saum bald von weiß nach veilchenblau und schließlich braun um (Bild links).

3. Muscari comosum Schopfige Traubenhyazinthe. In Ostwürttemberg sehr selten: Am Südrand des Kreises Heidenheim (Rosenbauer in Sebald, Seybold, Philippi &Wörz 1998: Karte S. 138 für vor 1969). Bei Herbrechtingen (Trittler 2006: S. 354). In Aalen über dem Birkhof (Wolfgang Schmid, Hans Wolf 2004). Standorte Wacholderheiden (Herbrechtingen) und ortsferne Obstbaumwiesen (Birkhof).

4. Muscari armeniacum Armenische Traubenhyazinthe. Häufig. In zweiter Hälfte des 20. Jahrhunderts in Gärten eingeführt. Mittlerweile in fast allen, auch kleinsten und entlegensten Ortschaften Gartenpflanze, selten verwildernd, so etwa an das Sechtaufer in Tannhausen (Hans Wolf 2000er Jahre).

 

4. Schopfige Traubenhyazinthe
Muscari comosum. Birkhof (Aalen)
5. Armenische Traubenhyazinthe Muscari armeniacum. Trochtelfingen (Bopfingen)

Schlüssel zum einfachen Bestimmen der Traubenhyazinthen

Vorbemerkung: Was Suchmaschinen an Bildern von Traubenhyazinthen bringen, ist vielfach fehlbestimmt. Doch ist das Bestimmen der ostwürttembergischen Arten nicht so schwierig mit den Fotovergleichen der Bilder 1 bis 5 und mit diesem neuartigen Schlüssel:

1. Traube über 10 cm lang, zur Reife sehr verlängert, auch die frischen Blüten locker stehend (Bild 3): Muscari comosum.

1.* (Gegenfrage) Traube unter 8 cm lang, die frischen Blüten dichtstehend.

2. Blätter weniger als 7 mm breit. Blätter älterer Pflanzen büschelig nach unten gebogen und niederliegend, herbst- und frühjahrsgrün, überwinternd und daher an Spitzen oft erfroren und abgestorben.

3. Sterile Blüten oben an der Spitze des Blütenstands wie auch die darunter stehenden fertilen Blüten frisch beide blau mit etwas Rot gemischt (veilchenblau). Blütenstand zuerst dicht mit unsichtbarer Achse, sich zur Reife hin bedeutend verlängernd und Achse bald sichtbar. Fertile Blüten des mittleren Blütenstands waagrecht abstehend, kugelig (Bild 4), erst bei bedeutend verlängertem, weit ausgereiftem Blütenstand sich in faltige Zylinderform zusammenziehend. - Jungpflanzen treiben drei bis fünf aufrechte, nach der Spitze unverbreiterte Blätter (Bild 4), diese biegen sich erst später nach unten um. - Häufige Gartenpflanze: Muscari armeniacum.

3.* Sterile Blüten hellblau. Fertile Blüten dunkel- bis schwarzblau (indigoblau), mit einem abwischbaren, wachsigen Reif bedeckt. Blütenstand sich mit der Reife weniger verlängernd. Fertile Blüten nickend und schon im noch zusammengezogenen Blütenstand Zylinderform annehmend (Bild 2). - In Ostwürttemberg sehr selten. - Sippe früher in mehrere Arten Muscari neglectum, racemosum und atlanticum aufgeteilt, doch eine Art: Muscari neglectum.

2.* Blätter an der breitesten Stelle 8 bis 14 mm breit. Treibt im Frühjahr zwei, selten drei aufrechte und aufrecht stehen bleibende, frühjahrsgrüne, nach oben breiter werdende Blätter. Hat keine überwinternden gebogenen oder niederliegenden Blätter. Untere Blüten waagrecht abstehend (Bild 1). - Wildpflanze der Schwäbischen Alb, wohl nirgends mehr Gartenpflanze: Muscari botryoides.

6. Rieser Bauern in ihren Blauhemden auf dem Sommerbierkeller. Nähermemmingen 1938.

Volkstümliches. Kleine Traubenhyazinthen heißen schwäbisch Baurabüabla (Hermann Fischers Schwäbisches Wörterbuch von 1904), weil sie dastehen wie in einem blauen Überhemd, so wie es zum Beispiel in Sontheim (Oberamt Münsingen) die Knaben tragen:

D Sontheimer Büabla hent blaue Hemadle a/und unten am Zipfel steht Baurabuaba dra.

Bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs noch tragen Rieser Bauern ihre blauen, über den Gürtel herabhängenden Kittel, Blaukittel, Blauhemden, auch Staubhemden genannten Kittel zum Arbeiten und zum geselligen Zusammensein auf dem Sommerbierkeller (Abb. 6), bis die Mode und der Kühlschrank diese Tradition beenden. Zuletzt noch werden die Blauhemden zu Anfang der 1950er Jahre auf dem Nördlinger Markt getragen, die der Bauern aus den katholischen Dörfern rot, der evangelischen weiß bestickt so wie der weiße Blütensaum der Traubenhyazinthen.

Schriften. Schwäbische und fränkische Flora. Besler, Basilius (1613 in zwei Auflagen erschienen, erste dem Eichstätter Fürstbischof Conrad von Gemmingen, zweite seinem Nachfolger Christoph von Westerstetten gewidmet): Hortus Eystettensis. - Eichstätt & Nürnberg (Verlag des Autors), Titelkupfer + 4 Zwischentitelkupfer + 367 Kupferstiche mit 1084 Figuren + rückseitige Texte. Zeigt unter etwa 1080 dargestellten Pflanzenarten Scilla neglectum mit Namen Hyacinthus Botryoides Maior in Figur I von Tafel 42, Muscari comosum mit Namen Hyacinthus Comosus spirius in Figur I von Tafel 49 und Muscari botryoides mit Namen Hyacinthus Botryoides caeruleus in Figur IIII von Tafel 50. - Schübler, Gustav & Georg von Martens (1834): Flora von Württemberg. - Tübingen (C. F. Osiander), XXXII + 696 S. + 1 Karte der Umgebungen von Tübingen. - Schabel, Andreas (1836): Flora von Ellwangen.- Stuttgart (P. Balzsche Buchhandlung), XII +100 S. - Schnizlein, Adalbert & Albert Frickhinger (1848): Die Vegetations-Verhältnisse der Jura- und Keuperformation in den Flussgebieten der Wörnitz und Altmühl. - Nördlingen (C. H. Becksche Buchhandlung), VII + 344 S. + 1 geognostisch-topographische Karte. - Straub, Stefan (1903): Exkursions-Flora des Bezirks Gmünd. - Stuttgart (Muthsche Verlagshandlung), 216 S. - Frickhinger, Hermann (1911): Flora des Rieses. - Nördlingen (C. H. Becksche Buchhandlung), 403 S. + 1 Karte. - Bertsch, Karl (1949): Beiträge zur Kenntnis unserer Flora. IV. Die Traubenhyazinthen Württembergs. - Veröffentlichungen der Württembergischen Landesstelle für Naturschutz und Landschaftspflege 18: S. 145-185. S. 176: Muscari racemosum und Muscari neglectum gehören in eine Art zusammen. S. 172 über verschiedenen Wuchs von Muscari botryoides und Muscari racemosum = Muscari neglectum - Sebald, Oskar, Siegmund Seybold, Georg Philippi & Arno Wörz (1998): Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs. Band 7. - Stuttgart (Eugen Ulmer), 595 S. - Balters, Helmut (2001): Flora des Gebiets um obere Jagst, Bühler und Rotach und der nördlichen Alb und des Riesrands. - Westhausen (Typoskript), 170 S. - Trittler, Jürgen (2006): Flora des Kreises Heidenheim. - Heidenheim (Verlag Uwe Siedentop), 608 S.

6. Hermann Fischer (1851–1920)
Agrargeschichte mit Naturschutz. Königlich statistisch-topographisches Büro (1863): Das Königreich Württemberg. - Stuttgart (Wilhelm Nitzschke), 1004 S. + Tafeln. S. 469: Einstiger Weinbau die Rems herauf bis Lorch und Gmünd, im Welzheimer Wald bei Pfahlbronn, den Kocher aufwärts bis Gaildorf, die Jagst bis Kirchberg, wo heute nirgends mehr Wein angebaut wird. - Königlich statistisch-topographisches Büro (1872): Beschreibung des Oberamts Neresheim. - Stuttgart (H. Lindemann), 454 S. + Tabellen + Karte. S. 96: Flurnamen Weinberg bei Neresheim, Dischingen, Hülen und Ohmenheim, wo auf dem rauen Härtsfeld längst kein Weinbau mehr stattfindet. - Fischer, Hermann (1904): Schwäbisches Wörterbuch . Band I. - Tübingen (Verlag der Lauppschen Buchhandlung), 1576 Spalten. Von Spalte 722 der zitierte Reim. - Gradmann, Robert (1910): Die Bergwiesen der Alb und ihre Erhaltung. - Blätter des Schwäbischen Albvereins 12 (1): Spalten 13-16. Diese Wiesen, vom Autor schwäbisch Mähder genannt, werden im Jahr einmal um Jakobi am 25. Juli gemäht bei nicht gerade reichem, aber wegen seiner Güte geschätzten Heuertrag und bieten einer Fülle der schönsten und seltensten Gewächse Zuflucht. Im wachsendem Maße düngt man sie mit Kunstdünger als bequemem und billigen Mittel. In der Folge rasches Absterben der den Mähdern eigentünlichen selteneren Pflanzen. Der Gemeinderat von Pfullingen, ein Ort mit reicher und prächtiger Bergwiesenflora, gibt einer Eingabe statt, die Hochfläche künftig von Dungmitteln frei zu lassen.- Götz, Anton & Mina Götz (1984): Das Ries und seine Landwirtschaft. - Nördlingen (F. Steinmeier), 164 S. Auf S. 102 die einst im Ries getragenen blauen Bauernhemden, an Kragen und Schultern bei katholischen Bauern rot, bei evangelischen weiß bestickt. - Kilian, Ruth (2002): Die Rieser Landwirtschaft im Wandel. - Oberschönenfeld (Museumsdirektion des Bezirks Schwaben), 200 S. Auf S. 135 Foto eines Rieser Bauern, wie dieser um 1935 im Blauhemd seinen Acker sät.

Allgemeine Botanik
.
Schlechtendal, F. L. v., L. E. Langethal & E. Schrenk (1880): Flora von Deutschland. Band 3. - Gera-Untermhaus (Eugen Köhler), 152 S. + Tafeln. Auf S. 148 kaum beachtetes Merkmal, wonach die Blüten von Muscari neglectum unter dem Saum stark eingeschnürt sind. - Tutin, T. G. und viele weitere Herausgeber (1980): Flora Europaea. Volume 6. - Cambridge (Cambridge University Press), 452 + Tafeln. Nach S. 48 Seite Muscari negelctum Guss. ex Ten. = Muscari racemosum (L.) Lam. & DC. = Muscari atlanticum Boiss. & Reuter. - Adler, Wolfgang, Karl Oswald & Raimund Fischer (1994): Exkursionsflora von Österreich. - Stuttgart und Wien (Eugen Ulmer), 1082 S. Von S. 897f. einige Schlüsselmerkmale. - Rothmaler, Werner (2002) : Exkursionsflora von Deutschland, Band 4. Gefäßpflanzen: Kritischer Band. - Heidelberg (Spektrum Akademischer Verlag), 951 S. Von S. 754f. weitere Schlüsselmerkmale.