Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg. Vereinszweig Ostwürttemberg

Sperlingskauz (Glaucidium passerinum) in Virngrund und Albuch (Ostwürttemberg)
mit Vergleich des ehemaligen Auerhuhnvorkommens (Tetrao urogallus) im Virngrund

von Hans Wolf (Ellwangen)

Er ist ein gar niedliches, possierliches Geschöpf, dem die wunderlichen Eulengebärden seiner Kleinheit wegen einen ganz eigenen Reiz geben. Das kleine Köpfchen gleicht nicht wie bei anderen Eulen oder Käuzen einem Katzenkopf, sondern mehr einem Affengesichtchen mit schlauem, guthmütigem Blick, während in dem Blick der Nachteulen ein schwermütiges, schläfriges Wesen nicht zu verkennen ist. - Johann Andreas Naumann (1744-1826).

Sperlingskauz Glaucidium paaserinum aus Dresser 1871-1881, Band V: Tafel 316

Ostwürttembergische Nachweise. Albuch auf der Schwäbischen Alb. Singt im Wental 1996 und 1997 zur Brutzeit (Veitinger in Rodi u.a 2003: S. 177). Singt ebenda 1998 (Lang). Ferner im Zanger Wald (Lang). Virngrund im Keuperbergland. Kleinvogelreaktionen bei Ellenberg und bei Dankoltsweiler im Jahr 2006 (Kübler). Fischbachtal am jeweils gleichen Ort: Im Jahr 2006 reagieren Singvögel auf Vorspielen des Kauzgesangs mit Warnrufen, am 1. Oktober antwortet der Kauz selbst, fliegt in eine Fichte, dann auf einen Buchenast (Kübler). Im Jahr 2009 singt am 25. Oktober ein Kauz (Löffelad), am 12. November reagieren kleine Singvögel auf Vorspielen, der Kauz antwortet, fliegt aus einem dichten Fichtenjungholz, setzt sich auf einen Buchenast (P. Wolf, H. Vaas), auch am 15. November Kleinvogelreaktion (H. Wolf). Abermals am 13. September 2010 antwortet der Kauz und reagieren Kleinvögel, am 18. September nur mehr schwach und später gar nicht mehr (H. Wolf), wonach der Kauz im Herbst nicht so reviertreu ist. Im Mai 2011 in der Brutzeit eine Sichtbeobachtung über dem Fischbachtal, der Kauz fliegt auf das Gesangsvorspielen herbei, noch ehe die Kleinvögel reagieren (Kübler).

Gesang (Heinroth 1926: S. 13): "Für gewöhnlich hört man nur einen einzelnen Ton, der, wenn das Tier recht im Eifer ist, in drei Sekunden ungefähr zweimal wiederholt wird und mit Unterbrechungen stundenlang hintereinander erschallt. Man denke sich den Ruf der Unke, nur etwas höher und pfeifender; Musikverständige haben seine Tonhöhe mit Des angesprochen, auch ist er nicht schwer nachzupfeifen. Zum Beginne des Rufens kommt manchmal noch ein Vorschlag dazu, so dass also zwei sehr ähnliche Töne aufeinander folgen. Mit dem Flöten des Gimpels hat dieser Stimmlaut wohle eine gewisse Ähnlichkeit, doch fehlt ihm das eigentümlich Weiche und Milde, und er wirkt mehr klagend. ... hat das Weibchen denselben Ruf, nur etwas tiefer."- Hassen auf den Sperlingskauz (Virngrund). Kauz singt am 25. Oktober (2009), keine Singvögel hassen (Löffelad). Am gleichen Ort kommen auf Gesangsvorspielungen am 12. und 15. November Kohlmeisen, Blaumeisen, Haubenmeisen, Sumpfmeisen, Kleiber aus dem Wald heraus und geben Warnrufe ab (P. Wolf, Vaas, H. Wolf). Auslöser mögen mittlerweile gehörte Angstschreie eines erlegten Vogels sein, welche nach Schildmacher (1982: S. 146) Warnrufe auslösen. Von nun an genügen offenbar bloßer Anblick und Hören des Kauzes zum Hassen.

Biotop des Virngrund (Fotos). Mischwald mit viel Fichten, ferner Buchen, Tannen, Kiefern, Lärchen, im Tal Schwarzerlen. Altfichten und Altbuchen bieten dem Kauz Ansitzplätze, dichte Fichtenjunghölzer Fluchtmöglichkeit vor Sperber Accipiter nisus, Habicht Accipiter gentilis, Waldkauz Strix aluco; auch meiden Baummarder Martes martes, Nestfeinde des Kauzes (König 1964, 1967), solche Dickungen (Braun & Dieterlen 2005: S. 428). Kleinvögel sind Hauptnahrung des Sperlingskauzes (Uttendörfer 1939: S. 268-273, Glutz von Blotzheim 1980: S. 496-499). Diese konzentrieren sich an Waldrändern zu Waldwiesen, Wegen, Waldschlägen, Bächen, Weihern, Offenflächen für freien Überraschungsangriff aus kurzer Distanz wie anderswo (Glutz von Blotzheim 1980: S. 481, Schönn 1980: S. 31-32). In Bächen und Waldweihern kann der Kauz baden und gefrorene Vorräte auftauen (Hölzinger & Mahler 2001b: 182 für den Schwarzwald).


Sperlingskauzbiotop des Virngrunds, vertikal und horizontal reich strukturiert. Unterholzreicher Mischwald aus Fichte, Tanne, Buche, Lärche, am Bach Schwarzerle. Dichtes Fichtenjungholz als sicherer Einstand vor Sperber, Habicht, Waldkauz, die dem Ansitzjäger und Ansitzsinger gefährlich sind. Kleinvogelreiche Waldränder.

Bestandsentwicklung. Der Sperlingskauz bewohnt natürliche Fichtenwälder in mehr als 700 Meter Höhe, in welche Hochlagen der feindliche Waldkauz kaum vordringt (Glutz von Blotzheim 1980: S. 481). In den Virngrund rückt die Fichte seit ungefähr 1300 unter Klimaabkühlung ("Kleine Eiszeit") und fichtenförderndem Waldbau herab. Doch lässt die hallenartige Waldstruktur des 19. Jahrhunderts keine Sperlingskauzansiedelung zu: Aus Staatswäldern wird bis 1873 (Gesetz über Ablösung von Waldstreurechten), aus Bauernwäldern bis in die 1950er Jahre viel Baumjungwuchs zu Stalleinstreu herausgehauen und herausgerecht. Das Reichsjagdgesetz von 1934 schont und vermehrt Rehe, außerhalb von Zäunen verbeißen die Tiere viel Baumjungwuchs. Heute werden gegenüber 1953 zehn Mal so viele Rehe erlegt (John 1991: S. 69). Förster wandeln hallenartige Fichtenforste in sich selbst verjüngende jungholzreiche Mischwälder um (Fotos). Dichtes Jungholz bietet dem Sperlingskauz Deckung vor seinen Feinden, die mehrstufige Waldstruktur ein reicheres an Angebot an Kleinvögeln als aus alten Hallenwäldern. Da man überall in Mitteleuropa ähnliche Mischwälder aufbaut, rückt der Sperlingskauz seit 1970 auch in vielen anderen Gegenden in tiefer gelegene Waldungen herab (Hölzinger & Mahler 2001: 186 für Schwarzwald, Bauer & Berthold 1995: S. 252-253, Hölzinger 2009 für Stromberg).

Einstiger Auerhuhnbiotop des Virngrunds mit Waldstreuentnahme der Heidelbeerdecke (Vergleichsfoto aus dem Schwarzwald von Feucht 1936) und brütende Auerhenne im heidelbeerreichen Virngrundnadelwald in der Nähe von Haid bei Adelmannsfelden (Foto von Krauß-Haid 1927).

Auerhuhn zum Vergleich. Im Schwarzwald nimmt der Sperlingskauz zu, das Auerhuhn seit mehreren Jahrzehnten ab (König, Kaiser & Mörike 1995: S. 474; Hölzinger & Boschert 2001a: S. 69). Völlig andere Biotopansprüche als der Sperlingskauz haben die ehemaligen Auerhühner des Virngrunds (Krauß-Haid 1927 mit obigem Bild): Bauern hacken und rechen dort wie einst auch aus dem Schwarzwald (Tafel 77 von Feucht 1936, oben links) Waldstreu heraus, die Streumahd regt Heidelbeeren zu immer neuem Wachstum an, an sonnigen Platten der ausgelichteten Wälder leben zahlreiche Ameisen, beide wichtige Auerhuhnnahrung. Mit Ende der Waldstreuentnahme in den 1950er Jahren sterben die Auerhühner aus dem Virngrund aus. Im Schwanzwald gefährdet sie das heutige Waldbauziel (Weidenbach 1997: S. 58f. ): Dem lichten borealen Nadelmischwald mit der Hauptverbreitung des Auerhuhns ist der frühere, devastierte Schwarzwald näher gekommen als der heute angestrebte Wald mit reichlicher Naturverjüngung, wo weniger weniger Licht auf den Boden gelangt, Heidelbeeren herausgedunkelt werden. Auerhühner meiden offensichtlich die heutigen naturnäheren Wälder Südwestdeutschlands, wogegen der Sperlingskauz in sie einzieht wie etwa in den Virngrund, aus dem das Auerhuhn gänzlich ausgestorben ist.

Sperlingskauz. Dresser, Henry Eeles (1871-81): History of the birds of Europe. Band V. Obiges Bild von Tafel 316. - Naumann, Johann Andreas (1898-1899): Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas. Neu bearbeitet von G. Berg u.a. Band 5. Raubvögel. - Gera-Untermhaus (Köhler), 334 S. Daraus Originaltext Naumanns (1744-1826). - Heinroth, Oskar & Magdalene Heinroth (1926): Die Vögel Mitteleuropas in allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei ab beobachtet. II. Band. - Berlin-Lichterfelde (Hugo Bermühler Verlag), 160 S. + viele Tafeln.- Uttendörfer, Otto (1939): Die Ernährung der deutschen Raubvögel und Eulen und ihre Bedeutung in der heimischen Natur. - Neudamm (Verlag J. Neumann-Neudamm), 360 S. + zahlreiche Tabellen. - König, Claus (1964): Rauhfußkauz (Aegolius funereus) und Sperlingskauz (Glaucidium passerinum) in Baden-Württemberg. - Schriften reihe Landesstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Nordrhein-Westfalen, Heft 1: S. 63-66. - König, Claus (1967): Der Sperlingskauz (Glaucidium passerinum) stirbt in Baden-Württemberg aus. - Veröffentlichungen Landesstelle Naturschutz und Landschaftspflege Baden-Württemberg 35: 39-44. - Glutz von Blotzheim und andere Autoren (1980): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 9. Columbiformes - Piciformes. - Wiesbaden (Akademische Verlagsgesellschaft), 1148 S - Schönn, Siegfried unter Mitarbeit von Wolfgang Scherzinger (1980): Der Sperlingskauz. Glaucidium passerinum passerinum. 3. unveränderte Auflage (Nachdruck der 2. Auflage von 1980). Neue Brehm-Bücherei Band 513. - Heidelberg (Spektrum Akademischer Verlag), 126 S. - Schildmacher, Hans (1982): Einführung in die Ornithologie. - Stuttgart (Gustav Fischer Verlag), 283 S. + 16 Tafeln. - Wolf, Hans (1993): Vogelwelt von Ostalb, Virngrund und Ries. Band 1. Greifvögel und Eulen. Ornithologische Jahreshefte Baden-Württemberg 9. 120 S. Besiedlungsgeschichte des Albuchs durch den Rauhfußkauz. - Bauer, Hans-Günther & Peter Berthold (1995): Die Brutvögel Mitteleuropas. Bestand und Gefährdung. - Wiesbaden (Aula-Verlag), 715 S. - König, Claus, Helmut Kaiser & Doris Mörike (1995): Zur Ökologie und Bestandsentwicklung des Sperlingskauzes (Glaucidium passerinum) im Schwarzwald. - Jahreshefte Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg 151: S. 457-500. - Hölzinger, Jochen & Ulrich Mahler (2001b): Die Vögel Baden-Württembergs. Nicht-Singvögel 3. - Stuttgart (Ulmer), 549 S. - Rodi, Dieter & weitere Autoren (2003): Das Wental. - Schwäbisch Gmünd (Einhorn-Verlag), 210 S. + 1 farbige Karte. - Braun, Monika & Fritz Dieterlen (2005): Die Säugetiere Baden-Württembergs. Band 2. - Stuttgart (Eugen Ulmer), 704 S. - Hölzinger, Jochen (2009): Sperlingskauz (Glaucidium passerinum) Brutvogel im Stromberg. Ornithologische Jahreshefte Baden-Württemberg 25 (1): S. 41-45. Brutnachweise aus dem 260 bis 477 m hohen Waldgebiet im Einzugsgebiet der aus dem Schwarzwald herausfließenden Enz.

Auerhuhn. Krauß-Haid (1927): Auerwild im Virngrund - Ellwanger Berge - in Württemberg. - Wild und Hund 23 (17): S. 335. - John, Peter (1991): Beobachtungen eines Forstmanns. Ein Praktiker plaudert.- Ellwangen (Privatdruck), 126 S. Nach S. 96-99 tieferer Grund, warum das Auerwild den Virngrund verlassen hat, Ende der Waldstreunutzung mit Rückgang des Heidelbeerbewuchses und Abnahme sonniger Platten, an deren Rändern sich Ameisennester entwickeln.Je mehr das aufkommende Torf- und Weißmoos mitsamt dem Wurzelfilz aus Beerkraut abzog, umso mehr versauerte der Boden und umso stärker wuchs ebendiese saure Bodenvegetation, nahm der Kiefernanteil des Waldes zu, wuchsen Hahnenkiefern mit tiefen, ausladenden Kronen heran. Grund des Auerhuhnaussterbens auch das starke Aufkommen des Schwarzwilds. - Weidenbach, Peter (1997): Naturnaher Waldbau und Waldhühner - Widersprüche und Perspektiven. In: Auerhuhn und Haselhuhn in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft. Beiträge einer internationalen Tagung in Oberprechtal, Baden-Württemberg vom 9. bis 12. Oktober 1997. - Berichte Freiburger Forstliche Forschung, Heft 2: S. 58-64. - Suchant, R. (1997): Ziele und Inhalt der Tagung. Ebenda: S. 8-24. S. 22: Glaubt, dass Auerhühner des Schwarzwalds mit aus Naturverjüngung hervorgegangenen Kulturen zurecht kommen, will Waldränder und Schneisen für Auerhühner stufig aufbauen. - Hölzinger, Jochen & Martin Boschert (2001a): Die Vögel Baden-Württembergs. Nicht-Singvögel 2. - Stuttgart (Ulmer), 880 S.

Wald und Waldbau. Walz, Gustav (1850): Über die Waldstreu. - Stuttgart (J. G. Cottascher Verlag), 71 S. In Ellwangen geschrieben. - Trommer, Heinz (1933): Die Geschichte der Waldwirtschaft in der Fürstpropstei Ellwangen. - Mössingen (Druck der Steinlach-Zeitung), 88 S. Nach S. 64 künstlicher Nadelholzanbau schon vor dem Dreißigjähriger Krieg und dann wieder ab etwa 1780. - Feucht, Otto (1936): Der Wald als Lebensgemeinschaft. - Öhringen (Hohenlohische Buchhandlung), 80 S. + 80 Fototafeln. - Koch, Heinrich (1939): Die Waldgeschichte des Heidenheimer Forsts. - Stuttgart (Württembergische Forstliche Versuchsanstalt), 114 S. + 3 Karten. Albuch einst reines Laubholzgebiet. Nach S. 95ff. seit den Jahren 1855 und 1857 Abwendung von der Laubholzkultur, Fichten künstlich angebaut. - Schröder, Wolfgang (1979): Ändert sich der Wald, ändert sich die Tierwelt. In: Horst Stern: Rettet den Wald: S. 252-279. - München (Kindler Verlag), 394 S. Nach S. 257-259 Rehe überhegte "Problemtiere" des Waldes. - John, Peter (1991): Beobachtungen eines Forstmanns. Ein Praktiker plaudert.- Ellwangen (Privatdruck), 126 S. Auf S. 32-37: Autor hat Waldstreuentnahme in 1950er Jahren selbst noch gesehen, bestehend aus Hacken der Decke von Heidekraut und Moosen, Abziehen, Herausrechen, Aufsetzen, wobei der Umfang gewaltig schrumpfte, schließlich auch Dörren, um besonders saugfähig in den Stall gestreut zu werden. - Glaser, Rüdiger (2001): Klimageschichte Mitteleuropas. - Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 227 S. Über mitteleuropäische Klimabkühlung seit etwa 1300 ("Kleine Eiszeit") bis in jüngere Vergangenheit. - Aalener Schwäbische Post vom 11. November 2009, Seite 18: "Die Fichte wird teilweise aussterben." Bericht von Forstdirektor Maier, Leiter der Forstaußenstelle Abtsgmünd, an die Forstbetriebsgemeinschaft in der Affalterieder Waldschenke, dass nach einer jüngsten Untersuchung der Forstlichen Versuchsanstalt Freiburg die Fichte in einigen Gebieten keine Zukunft mehr haben wird, Hauptgrund die zu erwartenden trockenheißen Dürreperioden.