Torfmoose der Gattung Sphagnum im Virngrund,
ein Keuperbergland in Ostwürttemberg

von HANS WOLF, Ellwangen (Jagst)

Torfmoose haben einen beblätterten Stamm und beblätterte, am Stammende in Köpfchen zusammenrückende Astbüsche. Sie saugen in ihre Blattzellen viel Wasser auf und verlangen vom Boden und der Luft her genügend Feuchtgkeit. Kalkreiche Standorte fliehen sie. In Ostwürttemberg kommen sie in zwei Naturräumen vor: Der erste ist die Schwäbische Alb, wo auf diesem Kalkgebirge entkalkte Feuersteinlehme aufliegen, eine Besonderheit der Ostalb. Hier fallen jährlich bis zu 1000 Millimeter Regen in Höhen von mehr als 650 Metern; die Torfmoose gedeihen auch außerhalb des Walds auf Streuwiesen und an Feldhülben, das sind alte künstliche Wasserspeicher auf der sonst wasserlosen Albhochfläche. Der zweite Naturraum ist das davorliegende Keuperbergland, wo die Torfmoose auf entkalkten Böden über Keupersand und Goldshöfer Sand wachsen. Es ist im Mittel nur 475 Meter hoch, hat bloß Niederschläge von etwa 850 Millimeter. Nur in kühlen, verdunstungshemmenden Wäldern aus Fichten, Tannen, Kiefern, Birken und Erlen, besonders auf den regenreichen Gipfeln der Keuperwaldberge, dann in feuchten Waldklingen, an künstlichen Waldweihern mit nassen, feuchten und frischen Ufern, auch in verlassenen Waldsandgruben kommen die Torfmoose vor. Hier nun wird das Vorkommen im Ellwanger Virngrund besprochen, ein Teilgebiet des ostwürttembergischen Keuperberglands von der Bühler im Westen bis nach Stödtlen im Osten, von Schwabsberg im Süden bis Rosenberg, Stimpfach und Wört im Norden.

Alte Waldsandgrube. Ränder Sandboden, in Mitte Hochmoor auf wölbend, sich vom Mineralboden lösend. Mit Heidelbeere zusammen Sphagnum capillifolium, palustre, recurvum, magellanicum.

Torfmoosarten im Virngrund, vom Autor bisher gefunden.

1. Sphagnum capillifolium. Auf feuchten, frischen, bei Hitze auch austrocknendem Waldsandboden. Geht am weitesten weg von Oberflächenwasser. Häufigste Art. Erstnachweis Hugo Mohl (1805-1872) für Ellwangen, Beleg unter dem Namen Sphagnum acutifolium im Herbarium der Universität Tübingen (TUB).

2. Sphagnum contortum. Auf feuchten, bei Hochwasser überschwemmtem sandig-moderigen Waldboden entlang eines kühlen Waldbaches in schattiger Klinge. Seitenklinge des Seebachs hinter Hinterbüchelberg. Selten.

3. Sphagnum girgensohnii. Auf feuchtem bis frischen sandigem Waldboden, auf vermoorendem Grund einer Waldsandgrube, in einem feuchten bis nassen, von Erlen beschattetem Niedermoor. Erlenbruchwald am Häsleweiher, Ufer des Holzweihers und Wälder umher, Waldsandgrube zwischen Rindelbach und Dankoltsweiler Sägmühle. Relativ häufig.

4. Sphagnum magellanicum. Braucht viel Luftfeuchte, Unterlage kann vorübergehend austrocknen. Oben auf organischem Boden einer sich aus dem Niedermoor zum Hochmoor aufwölbenden Sandgrubenmoor. Auf einem sich am Ufer aufwölbenden Weihermoor, dort übergreifend auch auf Sandmineralboden. Alte abflusslose Waldsandgrube bei Hegenberg. Hilsenweiher bei Stödtlen. Selten.

5. Sphagnum palustre. Auf sumpfig-sandigen Waldweiherufern, auf feuchten bis frischen Waldsandböden. Fundorte Häsleweiher, Harzweiher oder Schönberger Weiher. Relativ häufig.

6. Sphagnum recurvum. Auf sandigen Ufern von Waldweihern, in sandigen Waldwasserlöchern, auf feuchtem Sand. Im Übergangsmoor. Ufer des Harzweihers und umgebende sandige Nadelwälder. Birkenbruchwald im ehemaligen Stockweiher (Bild rechts). Hegenberger Sandgrubenmoor. Mäßig häufig. Erstnachweis Josef Aloys Frölich (1766-1841): L. Elvaci [= Ellwangen] am Griesweiher; Beleg unter Sphagnum pentastichon Bridel in TUB.

7. Sphagnum squarrosum. Auf feuchtem rohen Sand, auf feuchten sandigen Waldböden. Wörter Spitalhofwald, Boden einer abflusslosen Waldsandgrube bei Dietrichsweiler. Selten. Erstnachweis Frölich in Martens (1862) für den Griesweiher.

Schlüssel zum einfachen Bestimmen, unter Einschluss der für den Virngrund ferner nachgewieser Arten Sphagnum fimbriatum (Bertsch 1966: S. 151, Hölzer 2010: S. 92), quinquefarium und subsecundum (Düll 1970, Hölzer 218, 110). Zwar wird gewarnt vor Schlüsseln wie dem folgenden, der wenige mikroskopische Merkmale enthält, im übrigen nur Lupe verlangt (Hölzer 2010: S. 35). Doch mag er für den Virngrund auszureichen, da die dort vorkommeden Arten auch so unterscheidbar zu sein scheinen. Denn Blattschnitte durch die Moosblättchen zu führen, erfordert viel Übung, Geschick und Zeit (!). Der Liebhaber, der viele weitere Moosarten und Naturgegenstände kennen lernen will, hat wenig Zeit, kann Sphagnum magellanicum etwa auch ohne die miskroskopische Methode von anderen Arten unterscheiden (Athetron, Bosanquet, Lawley 2010: S. 66), sieht im Feld, dasss daneben weitere Arten wachsen.

1. Astblätter oval, konkav, mit kapuzenförmiger gerundeter runder Spitze. Stammrinde dick, den halben Durchmesser ausfüllend.

2. In der Sonne karmesinrot leuchtend (Bild rechts), grüne Schattenpflanzen selten. Köpfchen und Aäste von gleicher Farbe. Holzkörper des Stamms rot. Zellgestalt der Astblätter beidseits nahezu gleich (Mikroskop auf Zelloberflächen scharf stellen, Blattschnitte entbehrlich). Meist auf organischem Moorboden, selten auf Sandboden: Sphagnum magellanicum.

2.* (Gegenfrage) Köpfchen von anderer und dunklerer Farbe als die Äste. Holzkörper des Stamms meist hell bis dunkelbraun, nie rot, doch meist von einem Ring roter Außenrinde umgeben. Pflanzen grün, braun, selten in Braunrot umschlagend und dieses Rot schwächer als bei der vorhergehenden Art. Meist auf Mineralboden: Sphagnum palustre.

1.* Andere Eigenschaften als unter Nr. 1.

3. Stammblätter weniger als 1,2 bis 2 mal so lang als breit. Stammrinde aus zwei oder drei Zelllagen bestehend, diese nach Schnitt bei 10-facher Vergrößerung erkennbar. Holzkörper des Stamms grün oder fahlbraun. Stammblätter meist hängend: Sphagnum contortum.

3.* Andere Eigenschaften als Nr. 3.

4. Astblätter im feuchten wie trockenen Zustand sparrig abstehend, also von der Astachse weg gekrümmt: Sphagnum squarrosum.

4.* Astblätter feucht oder befeuchtet anliegend.

4. Astblätter sich erst im Trocknen bogenförmig biegend und kräuselnd, auffallend in der Draufsicht auf die Köpfchen: Sphagnum recurvum im weiten Artbegriff von Smith (1978). Die Art wird auch so aufgliedert, was gegenwärtige Funde des Ostalbkreises betrifft (Hölzer 2010: S. 164ff.): Sphagnum recurvum subspec. murconatum = Spagnum fallax. Sphagnum recurvum subspec. amblyphyllum = Sphagnum flexuosum.

5.* Astblätter auch trocken anliegend.

6. Die meisten Pflanzen mit dichtem halbkugelförmigen Köpfchen (Bild). Grün oder rötlich. Dreieckige Stammblätter, diese an der Spitze ungefranst, allenfalls durch einige vorspringende Zellecken gezähnt: Sphagnum capillifolium.

6.* Stammblätter an der Spitze zerrissen gefranst.

7. Stammblätter an der Anheftungsstelle am breitesten, zur Spitze hin zungenförmig verschmälert: Sphagnum girgensohnii.

7.* Diese an der Anheftungsstelle schmäler als an der Spitze, auch an den Seiten gefranst: Sphagnum fimbriatum.


Ehemaliger Stockweiher mit Birkenbruchwald und viel Sphagnum capillifolium, recurvum, palustre.
Sphagnum capillifolium im Stockweiher.
Sphagnum magellanicum
in Waldsandgrube bei Hegenberg.
Sphagnum squarrosum aus Hedwig & Schwägrichen (1811).

Naturschutz. Alte Waldsandgruben und Waldweiher sind künstlich, die Weiher oft schon vor Jahrhunderten zur Fischzucht angelegt von den Klöstern Ellwangen und Mönchsroth, auch der Reichsstadt Dinkelsbühl. Darin und daran wachsen die Torfmoose zu Mooren empor, die bis zu einem Meter hoch sein können. Die schnellwüchsigen Pflanzen haben Bauern bis ungefähr 1960 aus Wäldern und Weiherufern herausgerecht und herausgemäht und in ihre Ställe zu dem dann auf Wiesen und Äcker ausgebrachten Mist eingestreut. Niemand streut heute mehr Wald- und Weiherstreu in Ställe ein. Torfmoose überwachsen leicht mit konkurrenzstärkeren Sauergräsern, Büschen und Bäumen. Viele Torfmoosvorkommen sind Zeiger alter Wald- und Weiherwirtschaft ist. Daher mähen Naturschützer hin und wieder die Ufer des Breitweihers aus, entfernen aufsprießende Bäume aus Torfmoossandgruben von Dietrichsweiler und Hegenberg zum Artenschutz wie auch zur Erhaltung der alten Kulturzustände, die die Torfmoose hier anzeigen. Gut wäre für die Torfmoose, weitere Moosarten und etliche Farn- und Bärlapparten, auf einigen Hektar mageren Sandböden eine simulierte Waldstreuentnahme vorzunehmen. Der Gedanke ist neu und kommt aus dem Vergleich der Schafbeweidung der Schwäbischen Alb, die ja auch Simulation einer an sich untergegangenen, da mittlerweile ohne Subvention nicht mehr lebensfähigen Form der Landwirtschaft ist, außer ein Hobbylandwirt betreibt sie aus Freude an der Sache und an den liebenswürdigen Tieren.

Schriften. Hedwig, Johann & Schwägrichen, Friedrich (1811): Species muscorum frondosorum. Erster Supplementband, Erster Teil, daraus Tafel IV der obigen Abbildung. Leipzig (Barth), XVI + 196 S. - Martens, Georg (1862): Die Laubmoose Württembergs. Jahreshefte Verein vaterländische Naturkunde Württemberg 18: S. 76-112. - Bertsch, Karl (1966): Moosflora von Südwestdeutschland. Stuttgart (Ulmer), 234 S. - Düll, R. (1970): Moosflora von Südwestdeutschland. II. Teil: Die Laubmoose. Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde. Neue Folge 10 (2): S. 301-329. - Smith, A. J. E. (1978): The Moss Flora of Britain und Ireland. New York (Cambridge University Press), 706 Seiten. - Koperski, M., M. Sauer, W. Braun & S. R. Gradstein (2000): Referenzliste der Moose Deutschlands. Bonn (Bundesamt für Naturschutz), 519 S. - Atherton, Jan, Sam Bosanquet & Mark Lawley (20109: Mosses and Liverworths of Britain and Itreland al field guide. - British Bryological Society, 848 S. - Hölzer, Adam (2010): Die Torfmoose Südwestdeutschlands und der Nachbargebiete. - Jena (Weissdorn-Verlag), 247 S.