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Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg
Richard von Koenig-Warthausen wird am 6. Februar 1830 geboren. Nach dem Besuch des Ulmer Gymnasiums studiert er an der Universität Tübingen, der Forstakademie Tharandt und an der landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim. Sodann verwaltet er auf Schloss Warthausen bei Biberach seine Güter und lebt für Naturkunde und Naturschutz. Er tritt in Verbindung zu Christian Ludwig Brehm, Johann Friedrich Naumann, Eugen Ferdinand Homeyer, Theodor Heuglin und weiteren Ornithologen, sammelt Vogeleier (Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart) und berichtet in den Jahresheften der Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg (heute Gesellschaft für Naturkunde) über Vögel und viele weitere Tiere. Stets betont er das Recht jeden Lebewesens auf seine Existenz und ergreift aus der württembergischen Ständekammer, der er als Warthauser Schlossherr angehört, Initiativen gegen damalige Vogelverfolgung und zu den Vogelschutzgesetzen von 1908 und 1914. Seit 1874 leitet er den oberschwäbischen Vereinszweig der vaterländischen Vereins für Naturkunde in Württemberg. Unter seinem Vorsitz versammeln sich alljährlich an die hundert oberschwäbische Naturfreunde. Am 4. Januar 1911 stirbt Richard von Koenig-Warthausen und ruht auf dem Familienfriedhof im Park seines Schlosses.
Richard von Koenig-Warthausen entdeckt 1846 erstmals für Württemberg die bloß sechs Gramm schwere Zwergmaus Micromys minutus bei Warthausen und schreibt seine Entdeckung in die Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde von 1856. Wie ein echter Naturforscher des 19. Jahrhunderts stellt er sich persönlich an die Seite der Maus und somit mitten in die Natur selbst: Die Alten werden nur schwer und selten sichtbar; am besten gelang mir noch immer, sie zu belauschen, wenn ich im Herbste auf Enten anstand. Sobald dann die letzten Glockentöne des Ave Maria verklungen sind, erhebt sich ein feines Pfeifen und dunkle zwergenhafte Gestalten, im düstern Dämmerlichte kaum noch zu erkennen, huschen durch das Schilf. Sie scheinen sehr kurzsichtig zu sein, denn sie kamen mir oft bis vor die Füsse, vielleicht wussten sie, dass sie es mit einem noch Kurzsichtigeren zu tun hatten, der sie jahrelang für Wasserspitzmäuse ansah.
Aus der Vogeleiersammlung von Richard von Koenig sind Eier vom Fischadler Pandion haliaetus im Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart (oben). Das Etikett der zwei Eier beschriftet von Koenig so: "Württemberg. Gfl. [Gräflich] Pücklerscher Forst bei Gaildorf im Kocherthal. 1876. 2 St. [Stück] hochbebr[ütet] durch Prof. J. G. Fischer." Sammler ist der schwäbische Ornithologe, Dichter und Lehrer Johann Georg Fischer (1816-1897), Verfasser einer Schrift von 1863 "Aus dem Leben der Vögel. Eine naturpsychologische Skizze", die auf einem Vortrag beim vaterländischen Verein für Naturkunde in Württemberg beruht.
Fischadler brüten bis in die 1870er Jahre an folgenden württembergischen Gewässern: Bodensee. Donau bei Heiligkreuztal und bei Wilflingen, woher von Koenig vom 8. Mai 1877 zwei von vier im Horst liegenden Eier erhält. Tauber bei Mergentheim. Neckar bei Rottenburg und Kilchberg. Kocher bei Gaildorf (oben). Jagst bei Kirchberg mit Notiz für Baron Koenig: "Pandion haliaetos. Von der Jaxt. Brütete früher alljährlich im Burgberg." Folgende Ausrottung: Schon im Bauernkrieg von 1525 verlangen die Bauern Freiheit der Jagd auf Wildpret, Geflügel und Fische. Jeder Grundeigentümer erhält sie nach der Revolution von 1848/1849, das hochadelige Jagdrecht auf fremdem Grund und Boden fällt weg. Bloß in einigen Hochadelswäldern selbst, so im Pücklerschen Forst am Kocher, im Hohenloheschen Forst an der Jagst und in Wilflingen an der Donau wohl im Stauffenbergschen Forst nisten Fischadler weiter. Anderswo werden sie als "Fischräuber" aus der kleinparzellierten schwäbischen Landschaft herausgeschossen. Bloß noch nichtbrütende Tiere ziehen hin und wieder durch Württemberg. Wiederansiedelungen mit Kunstnestern, erfolgreich im angrenzenden Bayern, gibt es bisher noch nicht. Richard von Koenig-Warthausen spricht am 28. November 1895 in einer Sitzung des oberschwäbischen Vereinszweigs der Gesellschaft für Naturkunde in Aulendorf den Hauptvortrag über Vorläufiges zur Vogelschutzfrage, den Vogelrückgang und seine Ursachen, worüber die Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg 52, 1896 auf S. CVIIf. berichten:
Der heutige Warthauser Schlossherr besitzt auch Handschriften des schwäbischen Dichters Friedrich Hölderlin (* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar; † 7. Juni 1843 in Tübingen). Folgendes Gedicht hat Hölderlin am 27. Januar 1843 dem Tübinger Studenten Johann Georg Fischer niedergeschrieben und geschenkt, Sammler der obigen Fischadlereier, als dieser den geistig erkrankten Dichter am Tübinger Neckarufer besucht. Es ist mit einem Datum 24. Mai 1748 versehen, das weit vor Hölderlins Geburt liegt, mit "Griechenland" überschrieben und behandelt Natur und Menschheit:
* * * Allgemeine Naturkunde. Bach, Heinrich (1869): Die Eiszeit. Ein Beitrag zur Kenntnis der geologischen Verhältnisse von Oberschwaben. - Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg 25: S. 113-128 mit einer farbigen Karte des geologischen Bilds der Eiszeit in Oberschwaben.- Steudel, Albrecht (1869): Über die erratischen Blöcke Oberschwabens. Dieselben Jahreshefte 25: S. 40-56.- Miller, Konrad (1881): Die 17 größten erratischen Blöcke Oberschwabens. - Dieselben Jahreshefte 37: S. 305-310. - Vogelschutzgesetz vom 30. Mai 1908. - Reichsgesetzblatt 1908, S. 317. - Lampert, Kurt (1911): Dr. Freiherr Richard König von und zu Warthausen. - Dieselben Jahreshefte 67: S. XLIV-XLIX. - Verfügung des Ministeriums des Innern und der Finanzen betreffend den Schutz von Vögeln vom 30. Juli 1914 [im Königreich Württemberg] . Stuttgart (Abdruck von Chr. Scheufele), 20 S. - Güntter, Otto (1957): J. G. Fischer. Dichter und Lehrer. 1816-1897. In: Schwäbische Lebensbilder. Band 6: S. 367-385. - Stuttgart (W. Kohlhammer), 492 S. - Schüz, Ernst (1960): Samuel Gottlieb Gmelin. In: Schwäbische Lebensbilder. Band 7: S. 182-189. - Stuttgart (W. Kohlhammer), 492 S. Zoologie. Gmelin, Samuel Gottlieb (1770, 1774, 1774, 1784): Reise durch Russland zur Untersuchung der drei Naturreiche. - Petersburg, 182, 260, 508 und 218 S. - Gmelin, Samuel Gottlieb (1771): Rariorium avium expositio. - Novi Commentarii academiae scientiarum imperialis petropolitanae. Tom. XV. Petersburg 1771. Auf S. 442-443 Beschreibung von Accipiter ferox mit Abbildung auf Tafel X. - Naumann, Johann Andreas & Johann Friedrich Naumann (1822-1860): Naturgeschichte der Vögel Deutschlands nach eigenen Erfahrungen entworfen. - Leipzig & Stuttgart, 13 Bände mit 396 handkolorierten Tafeln. - Königlich statistisch-topograpisches Büro (1844): Beschreibung des Oberamts Heidenheim. - Stuttgart und Tübingen (J. G. Cottasche Buchhandlung), 292 S. Auf S. 30 für diese Ostalblandschaft die Blauracke angegeben unter den Namen Coracias garrula und Blaue Racke. - Koenig, Richard von (1856): Beitrag zur Fauna Württembergs. - Jahreshefte Verein vaterländische Naturkunde 12: S. 72-89. Erstnachweis der Zwergmaus für Württemberg 1846, 1853 und 1855, daraus obiger Text. - Fischer, Johann Georg (1863): Aus dem Leben der Vögel. Eine naturpsychologische Skizze. - Leipzig (Friedrich Brandstetter), 64 S. Spricht individuelles Vogelverhalten an und stellt es neben den "Instinkt". - Hennicke, Carl R. (1905): Die Raubvögel Mitteleuropas. - Halle an der Saale (Hermann Gesenius), 250 S. - Hartert, Ernst (1913, 1914): Die Vögel der paläarktischen Fauna. Band II.- Berlin (Friedländer & Sohn ), XXIV + S. 833-1764. Auf S. 1115-1117 der Lieferung von 1913 Beschreibung des Adlerbussards unter Gmelins Basionym Buteo ferox. Nach Fußnote auf S. 1189 der Lieferung von 1914 ist Hartert überzeugt, dass Gmelins Beschreibung eher zum Schlangenadler gehört und wählt für den Adlerbussard den jüngeren Namen Buteo rufinus. Sagt ebenda auf S. 1189, dass alle Schlangenadler Steuerfedern (Schwanzfedern) mit drei, selten vier schwarzbraunen Querbinden haben. - Fischer, Wilhelm J. (1914): Die Vogelwelt Württembergs. - Stuttgart (Verlag des Bundes für Vogelschutz), 323 S. S. 165-168 über historisches Brüten des Fischadlers in Württemberg und seine Ausrottung. - Glutz von Blotzheim, Urs (1971): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 4. - Frankfurt am Main (Akademische Verlagsgesellschaft), 943 S. - S. 559-561: Querbänderungen des Schwanzes von Adlerbussarden undeutlich, soweit überhaupt vorhanden. - Porter, R. F., Ian Willis, Steen Christensen & Bent Pors Nielsen (1981): Flight Identification of European Raptors. - Calton (T & A. D. Poyser), 180 S. + viele Fototafeln. S. 26: Adlerbussard hat niemals mehrere deutliche Schwanzquerbinden; eine adulte Färbungsphase mit einer dunklen Endbinde kommt vor. S. 78-79: Schlangenadler stets mit 3 bis 4 breiten Schwanzquerbinden - Hölzinger, Jochen (1987): Die Vögel Baden-Württembergs. Band 1. - Stuttgart (Eugen Ulmer), 1800 S. S. 1126-1129, 1534 über die historische Blaurackenvorkommen der Ostalb und deren Nachweise durch Landbeck, Heuglin, Koenig-Warthausen - Snow, D. W. &-C. M. Perrins (1998): The Birds of the Western Palearctic. Concise Edition. Volume 1. Non-Passerines - Oxford (University Press), 1008 + 43 S. S. Karte S. 359 zeigt ein Überwinterungsgebiet des Adlerbussards am Ufer des Kaspischen Meers, Reisegebiet Gmelins. - Jochen Schwarz aus Heuchlingen & weitere Beobachter (1998): Ein Adlerbussard von 26. September bis 8. November 1998 in Ostwürttemberg auf der Feldflur von Holzleuten. - Braun, Monika & Fritz Dieterlen (2005): Die Säugetiere Baden-Württembergs. Band 2. - Stuttgart (Eugen Ulmer), 704 S. S. 221 über Erstnachweis der Zwergmaus durch von Koenig-Warthausen für Baden-Württemberg. - Wolf, Hans (2009): Wasservögel der oberen Jagst. In: Mattern, Hans (2009): Das obere Jagsttal von der Quelle bis Crailsheim: S. 185-213. - Crailsheim (Baier-Verlag), 232 S. S. 209-212 über Ausrottung von Fischadler und weiteren Vogelarten, Rückkehr mehrerer Arten nach Ende ihrer Verfolgung. - Bajohr, Wolfgang Alexander (2010): Mitteilung des Fotos der Zwergmaus oben, wie sie Stängel des Reitgrases Calamagrostis durchklettert. - Woog, Friederike & Julia Taubmann (2010): Mitteilung des Fotos der Fischadlereier aus dem Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart. Botanik. Ascherson, Paul (1866): Nachlinnésche Erstbeschreibung des erwähnten Milchsterns in einem Artikel ohne Überschrift. - Österreichische Botanische Zeitung 16: S. 191-192. - Sebald, Oskar, Seybold, Siegmund, Georg Philippi & Arno Wörz (1998): Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs. Band 7. Stuttgart (Eugen Ulmer), 596 S. Nach S. 130-132 haben die Warthauser Milchsterne 1996 insgesamt 29 blühende Stängel. Geschichte. Königliches Statistisches Landesamt (1907): Das Königreich Württemberg. Eine Beschreibung nach Kreisen, Oberämtern und Gemeinden. Vierter Band. Donaukreis. - Stuttgart (Kohlhammer), 834 S. Auf Seite 46 Schlossgeschichte und das Goethe-Zitat über Wieland und Warthausen aus der Rede "Zu brüderlichem Andenken Wielands". - Koenig-Warthausen, Gabriele von (1957): Ein gewisses bezaubertes Schloss. Wielands oberschwäbische Jahre. - Merian 10: S. 49-55. - Koenig-Warthausen, Gabriele von (1962): Friedrich Graf von Stadion. Lebensbilder aus Schwaben und Franken. Band 8: S. 113- 136. - Adelmann, Georg Siegmund von & Max Schefold (1969): Burgen und Schlösser in Württemberg und Hohenzollern. - Frankfurt am Main (Wolfgang Weidlich), 220 S. + 1 Karte. S. 85f. über Warthausen. - Reitzenstein, Alexander von (1972): Rittertum und Ritterschaft. - München (Prestel), 144 S. S. 9f. über Aufstieg von Ministerialienfamilien in den Ritterstand und Gesetz des Stauferkaisers Friedrichs II. von 1231, wonach künftig keiner mehr die Ritterwürde erlangen darf, er sei denn bereits ritterlichen Geschlechts (Geburtsadel). - Schantel, Hans (1989): Die Anfänge des Hauses von Ulm im frühen und hohen Mittelalter untersucht und zusammengestellt anlässlich des 850jährigen Jubiläums der Reichsfreiherrn von Ulm zu Erbach. - Weißenhorn (Anton H. Konrad Verlag), 71 S. + Karten, Stammtafeln, Urkundenabbildungen mit Transskriptionen. Rückführung der Familie von Ulm bis auf die Alamannenherzöge Gotfried (um 708) und Theutpald (um 740). - Sattler, Dietrich E. (2004): Friedrich Hölderlin. 1806-1843. Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Band 12. - München (Luchterhand), 255 S. Auf S. 229f. Gedicht Hölderlins, das Johann Georg Fischer bei dessen Besuch erhalten hat. - Hengerer, Mark, Elmar L. Kuhn & Peter Blickle (2006): Adel im Wandel. Oberschwaben von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. - Ostfildern (Thorbecke), Band 1 und 2 mit 886 S., Ausstellungskatalog 400 S. Schloss Warthausen, Familien Koenig, Ulm-Erbach, Stadion, Schad kommen oft vor. |
Gesellschaft
für Naturkunde in Württemberg Dipl.-Ing. Hans Wolf aus Ellwangen, Leiter des Vereinszweigs Ostwürttemberg der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, und Freiherr Franz von Ulm-Erbach, Schlossherr auf Warthausen, begrüßen die Gäste am Schlossportal. Baron von Ulm schildert Schloss und Schlossgeschichte, führt die Schlossbesucher durch die Schlossräume, zeigt die Schlossbibliothek und hat die schönstillustrierten Werke für die Besucher zum Betrachten aufgelegt.
Schlossgeschichte. Historische Schlösser
sind Amts- und Wohnsitze des Schlossherrn. Um 1100 erscheinen auf Warthausen,
der Warte über dem Risstal, edelfreie Herren. Im Jahr 1168 setzt
sich der Stauferkaiser Friedrich Barbarossa in den Besitz der Burg.
Sie kommt 1339 an Österreich, wird 1529 bis 1695 den Schad
verliehen, eine ursprünglich Ulmer, dann Biberacher Patrizierfamilie.
Seit 1696 ist das Schloss Lehen der Grafen von Stadion. Unter
Friedrich von Stadion, vorher kurmainzischer Staatsminister, erlebt
es 1761 bis 1768 eine Glanzzeit, besonders auch durch Frank von La Roche,
vorehelichen Grafensohn, seine Frau Sophie von La Roche und den mit
ihr einst verlobten Biberacher Dichter Christoph Martin Wieland,
den "in diesem angesehenen, wohleingerichteten Hause zuerst die
Welt- und Hofluft anwehte", so Goethe in seiner Rede zum Andenken
Wielands. Im Jahr 1827 gehen Schloss und verbliebene Herrschaftsrechte
auf die württembergische Krone über. Sie ist an die Esslinger
Bankiersfamilie Koenig verschuldet. Friedrich August Karl Koenig
(1800-1889) erwirbt Warthausen 1829, steigt so in den
schwäbischen Landadel auf, besitzt aber keinen Ur-, Erb-
und Geburtsadel wie andere oberschwäbische Adelsfamilien; einige
Familienmitglieder, so Richard am 15. Februar 1867, werden
vom württembergsichen König in den persönlichen Adel
erhoben (Briefadel). Seit 1985 ist Schloss Warthausen Eigentum der Familie
von Franz von Ulm-Erbach, diese bis auf den schwäbischen
Uradel zurückgehend in die Zeit vor dem Gesetz von 1231, wonach
von nun an keiner mehr die Ritterwürde erlangen darf, er sei denn bereits
ritterlichen Geschlechts (Geburtsadel). Baron von Ulm hat als letztes
auf dem Schloss ruhendes Herrschaftsrecht das Patronatsrecht der katholischen
Kirche von Warthausen inne.
Der Schlossbau steht auf einer eiszeitlichen Moräne links der zur Donau fließenden Riss. Zum Tal hin flankieren ihn zwei Ecktürme (einer rechts oben sichtbar), unten mit staufischen Buckelquadern rund aufgemauert, oben in ein Achteck übergehend. Im Norden ist ein niedrigerer Flügelbau rechtwinkelig angebaut und endet in einem Wasserturm mit Reservoir für heraufgepumptes Wasser. Der 1560 begonnene Renaissancebau folgt dem Typ des zweiflügeligen Winkelbaus (ähnlich Neubronn bei Abtsgmünd); andere Schlösser des schwäbischen Niederadels sind gewöhnlich einflügelig. Davor liegt der Wirtschaftshof (Bildmitte), ganz im Westen stehen herrschaftliche Amtsgebäude (jetzt Wohnungen) mit gleichfalls winkelförmig angebauten Ökonomiegebäuden, 1747 unter den Stadion errichtet. Aus der Mitte des Hauptbaus steigt im Schlossinneren eine breite Treppe auf. Im ersten Stock sind die Räume der Grafen Stadion mit Tapeten, Möbeln, Gemälden, Porträts der Rokokozeit erhalten. Einige chinesische Porzellane sind ausgestellt aus der Sieboldschen Erbschaft der Familie Ulm-Erbach; der Würzburger Arzt und Naturforscher Franz von Siebold (1796-1861), Verfasser des Prachtwerks Flora japonica und einer der ersten Europäer, dem für naturkundliche Forschungen der Zugang ins japanische Kaiserreich erlaubt worden ist, ist Vorfahre des heutigen Schlossherrn. Die Schlosskapelle hat einen feinen Rokokoaltar und Gräber der Familie Stadion. Da katholisch geweiht darf sie im Jahr 1829, als die evangelische Familie Koenig einzieht, keinem evangelischen Kultus zugeführt werden, weil eine Bestimmung des Westfälischen Friedens von 1648 Religionswechsel auch von Kirchen von nun an verbietet; die verstorbenen Mitglieder der Familie Koenig ruhen auf einem Friedhof im Park des Schlosses.
Der zweite Stock war Wohnung der Familie Koenig. Die zwei Räume der Bibliothek sind im historisierenden Stil des 19. Jahrhunderts erhalten (Bild). Einige Bücher entstammen wohl noch der Stadionschen Bibliothek, deren anderer Teil schon vor langer Zeit auf das böhmische Schloss Kozel bei Pilsen gebracht worden ist (Teil der Prager Nationalbibliothek). Viele Bücher sind natur- und landesgeschichtliche Werke des 16. bis 19. Jahrhunderts, gesammelt von Richard von Koenig. Unter den schwäbischen Autoren ragt Samuel Gottlieb Gmelin (1744-1774) hervor mit den vier seltenen, leider niemals nachgedruckten Bänden seiner "Reise durch Russland zur Erforschung der drei Naturreiche"; wie ein Blick hinein sogleich zeigt, schreibt er lebendiger und spannender als sein bekannterer Onkel Johann Georg Gmelin, Verfasser der "Reise durch Sibirien". Manche Bücher des 18. und 19. Jahrhunderts zeigen Höhepunkte der naturkundlichen Illustration. So von Johann Andreas & Johann Friedrich Naumann die dreizehn 1822 bis 1860 erschienenen Bände der Naturgeschichte der Vögel Deutschlands mit 396 handkolorierten Kupferstichen, darunter das Bild des Bartgeiers (oben). In der Mitte der hohen Regale stehen alle Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg mitsamt den Beiheften ihres oberschwäbischen Vereinszweigs, ältestes und ununterbrochen fortgesetztes naturkundliches Periodikum Deutschlands, beginnend mit dem ersten Band von 1845, die Warthauser Sammlung endend mit dem Band von 1911, als ihr Sammler Richard von Koenig-Warthausen stirbt.
Richard von Koenig hat viele Materialien über die lokale Vogelwelt von den damals führenden württembergischen Ornithologen Christian Ludwig Landbeck und Theodor Heuglin erhalten, welcher zweite zeitweise auf Warthausen gelebt hat. Diese Sammlungen und Korrespondenzen scheinen bald nach Richards Tod in ein anderes, von einem Sohn bewohntes Schloss überführt worden zu sein und sind dort nicht mehr da. Ihnen entstammt wohl Landbecks Originalzeichnung zur Darstellung der Blauracke Coracias garrulus für das erste Heft seiner Naturgeschichte aller Vögel Europas von 1839 (oben). Blauracken haben Landbeck und Heuglin in erster Hälfte des 19. Jahrhunderts noch auf der östlichen schwäbischen Alb gesehen und nachgewiesen im Albuch und auf dem Härtsfeld. Damals gab es dort weite Laubholz-Mittelwälder für die Brennholzversorgung der Königsbronner und Wasseralfinger Eisenwerke, darin weitständig zur Bauholznutzung alte Eichen mit Ansitz- und höhlenreichen Nistplätzen (obiger Eichenstumpf), darunter zur Kohlholzgewinnung immer wieder schlagweise abgehauene und dann wieder ausschlagende niedrige Buschwälder als Nahrungsplatz dieser schönen Vögel. Diese lichten Laubholzwälder werden nach 1864, seit die neue Eisenbahn statt der alten Holzkohle billigere Steinkohle in die Eisenwerke anfährt, immer mehr mit Fichten und jetzt auch Douglasien zu dunklen Hochwäldern aufgeforstet, worin das Nadelholz überwiegt; über zwei Drittel der Ostalbwaldfläche, früher ein reines Laubholzgebiet, sind jetzt damit bestockt. Die licht- und laubholzliebenden Blauracken verlassen nach 1864 die Ostalb und somit ganz Württemberg durch Änderung der Waldbetriebsweisen und der Waldbaumarten.
In von Koenigs Bibliothek findet man die Neuen Petersburger Kommentare mit der Erstbeschreibung einer Greifvogelart Accipiter ferox, die Samuel Gottlieb Gmelin im Jahr 1771 gemacht hat. Lange Zeit hat man darunter den später in die Gattung Buteo gestellten Adlerbussard Buteo ferox (Samuel Gottlieb Gmelin 1771) verstanden. Doch stellt Ernst Hartert (1914) die Frage, ob Gmelin unter seinem Namen Accipiter ferox nicht den Schlangenadler beschreibt, und benennt den Adlerbussard mit dem jüngeren Namen Buteo rufinus (Cretzschmar 1826), der seither überall benutzt wird. Gmelin aber sagt zu seinem Accipiter ferox: "Astranchiae hyeme 1769 avis haec observata fuit, frequens ibi circa urbem." Kein Schlangenadler ist im Winter (hyeme) in Astrachan, sondern in Afrika! Adlerbussarde aber überwintern hier am Westufer des Kaspischen Meers. Auch haben Schlangenadler in allen Alterskleidern und Färbungen (Morphen) drei oder vier breite Schwanzbinden, die Gmelins Abbildung nicht zeigt. Sie stellt offensichtlich einen Adlerbussard dar! Muss sein wissenschaftlicher Name Buteo ferox (Samuel Gottlieb Gmelin) wiederhergestellt werden? Nach dem Satz der Nomenklaturregeln: "The valid name of a taxon is the oldest available name applied to it." Ob in der Petersburger Akademie, für die Gmelin gesammelt hat, noch ein erlegter Originalvogel vorhanden ist? Samuel
Gottlieb Gmelin wird 1744 in Tübingen geboren
und mit neunzehn Jahren zum Doktor "Arzneygelahrtheit" promoviert.
1767 beruft ihn die Zarin Katharina von Russland an die Petersburg Akademie.
In deren Auftrag macht er zwei naturkundliche Reisen an die Westufer
des Kaspischen Meeres, Persische Reisen genannt. Auf der zweiten
Reise nehmen ihn 1774 die Chaitaken gefangen, in der Gefangenschaft
stirbt er im gleichen Jahr. Mit seiner Leiche, seinen Manuskripten und
seinen naturkundlichen Sammlungen dürfen seine Begleiter die Gefangenschaft
verlassen und bestatten Gmelin beim Dorf Kajakent, wo eine Gedenkstätte
heute noch besteht. Seine Reiseberichte gibt Peter Simon Pallas heraus
und bemerkt über seinen schwäbischen Freund: "Er
schrieb mit Feuer und Leichtigkeit. Er liebte seine Amtsgeschäfte
und widmete ihnen gern die Vormittage, um den Rest der Tage der Geselligkeit
zu widmen ...". Der
nordwestlich vorgelagerte Warthauser Schlosspark
ist im freien englischen Landschaftsstil gehalten mit grünen Wiesen
und freistehenden alten Bäumen. Eine Lindenallee und heckengesäumte
Wege gehen hindurch. Man findet Milchsterne einer seit der Renaissance
in Schlossblumengärten gezogenen Art in Hecken verwildert (linkes
Bild derselben Art aus dem Ellwanger Schlossgarten). Irrblöcke, auch
Erratische Blöcke oder Findlinge
genannt, sind in der Jugend Richards von Koenig Gegenstand der vieldiskutierten
Frage, ob sie das Wasser oder das Eis nach Oberschwaben verbreitet hat.
Die Antwort schreiben 1869 Diaconus Albrecht Steudel aus Ravensburg
und Hauptmann Heinrich Bach aus Stuttgart in die Jahreshefte des
Vereins für vaterländische Naturkunde: Dass das nachtertiäre
Oberschwaben mit Eis bedeckt war, dass die aus den Alpen nach unten rückenden
Gletscher Moränen mitgeführt und in diesen Lockermassen immer
wieder solche Steinblöcke herangetragen haben bis zur Donau. Der
Theologe und Naturwissenschafter Konrad Miller aus Oppeltshofen
bei Ravensburg beschreibt 1881 in den gleichen Jahresheften die 17
größten erratischen Blöcke Oberschwabens, darunter
einige nach Warthausen verbrachte Blöcke, besonders einen mit Granaten
vollgespickten Gneisblock aus Sigmarshofen, der im Warthauser Schlosspark
aufgestellt ist, und sagt zu diesen Felsblöcken des Alpenvorlands
in der reichen Sprache, so wie sie auch der zeitgenössische Darwin
und alle Naturforscher des 19. Jahrhunderts gepflegt haben:
Unter den ungezählten Tausenden von Felsblöcken, welche das Moränengebiet im Norden der Alpen in sich schließt als Zeugen immenser Aktionen wie fast unglaublicher klimatischer Differenzen in der geologischen Neuzeit, - machen sich gewisse Kolosse bemerklich, und haben in alten Zeiten, schon lange bevor man ihre Heimat in den Alpen ahnte oder die Geschichte ihrer Wanderschaft kannte, auf den denkenden Menschen einen überwältigenden Eindruck zu machen nicht verfehlt. |
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