Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, Vereinszweig Ostwürttemberg
Ein Brief von Franz Xavier Wulfen (1728-1805) in Klagenfurt an Josef Aloys Frölich (1766-1841) in Wien.
Von HANS WOLF (Ellwangen)

Briefschreiber Franz Xavier von Wulfen (1728-1805)

BRIEFAUTOR. Franz Xavier von Wulfen ist 1728 in Belgrad geboren, damals nach den Siegen Prinz Eugens über die Türken österreichisch. Sein Vater Friedrich von Wulfen entstammt einer Rügener Adelsfamilie und ist in österreichischen Diensten Soldat in verschiedenen Garnisonen. Der Sohn tritt siebzehnjährig in den Jesuitenorden ein und wird Priester. Seit 1769 ist er in Klagenfurt Seelsorger, Beichtvater, Betreuer von Kranken und Bedürftigen. Unter den Exjesuiten des 1773 päpstlich aufgelösten Jesuitenordens gehört er der strengen, altgläubig-katholischen Richtung an. Wulfen dürfte den gewöhnlichen Naturkundeunterricht der Jesuitenschulen durchlaufen haben, besitzt aber kein naturkundliches Universitätsstudium. Viel naturkundliches Wissen eignet er sich autodidaktisch an und tritt mit universitätsgebildeten Naturforschern in Verbindung. Darunter sind Johann Christian Daniel Schreber (1739-1810) in Erlangen, der 1789 bis 1791 die achte Auflage der Genera Plantarum seines berühmten Lehrers Carl Linné (1707-1778) herausbringt, der Wiener Botaniker Nicolaus Jacquin (1727-1817) und Josef Aloys Frölich. Wulfen stirbt 1805 in Klagenfurt.

BRIEFEMPFÄNGER. Josef Aloys Frölich wird 1766 im Allgäuer Marktflecken Marktoberdorf als Wirtssohn geboren. Er studiert Medizin. Damals gibt es noch keine naturwissenschaftlichen Universitätsfakultäten (erste deutsche 1863 in Tübingen vom Frölich-Schüler Hugo Mohl errichtet), Naturkunde wird in medizinischen Fakultäten gelehrt. Frölich hört in Ingolstadt naturkundliche Vorlesungen von Franz von Paula Schrank (1747-1835), in Erlangen von Schreber und von Eugen Johann Christoph Esper (1742-1810), in Wien von Jacquin. Nach Wien macht er 1791 eine Fußreise durch die Alpen, besucht in Klagenfurt Wulfen und hält sich 14 Tage bei ihm auf. Nach beendigter Studienzeit kehrt Frölich in seine schwäbischen Heimat zurück und wird 1797 Leibarzt des letzten Fürstpropsts von Ellwangen und Archiater (oberster Arzt) des aus einer Benediktinerabtei hervorgegangenen tausendjährigen Fürstentums Ellwangen. Nach dessen Übergang an Württemberg (1803) ist er königlich-württembergischer Kreismedizinalrat für den Jagstkreis und bis zu seinem Tod als Amts- und Privatarzt im Dienst. Mit dem Arztberuf verbindet er die Naturkunde. Frölich stirbt 1841 in Ellwangen.

BRIEFWECHSEL. Der Briefwechsel der zwei Naturforscher fällt in die Jahre nach der Französischen Revolution und vor dem Ende des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Frölichs Briefe an Wulfen sind bisher nicht gefunden worden. Erhalten sind zwanzig Briefe Wulfens an Frölich: 16 von 1791 bis 1794 in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Einer von 1793 in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Einer von 1798 in der Stiftsbibliothek Einsiedeln, auszugsweise abgedruckt und kurz kommentiert von Seldner (1867). Einer von 1802 im Landesmuseum für Kärnten in Klagenfurt, abgedruckt und kommentiert von Leute (1979). Dieser hier erstmals abgedruckte Brief Wulfens an Frölich vom 23. Oktober 1792 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Inventarnummer K 15 Archiv). Zur Transskription und zum Kommentar haben mit besonders geholfen: Günter Gottschlich (Tübingen), Marianne Klemun (Wien), H. Walter Lack (Berlin), Thomas Raus (Berlin), Siegmund Seybold (Stuttgart).

Anfang des Briefs von Franz Xavier Wulfen in Klagenfurt an Josef Aloys Frölich in Wien vom 23. Oktober 1792

BRIEFTEXT. Ihn schreibt Wulfen in deutscher Schrift, was er lateinisch schreibt folgt kursiv, Fettdruck dient zum leichteren Auffinden im Kommentar.

Auf dem Umschlag: De Klagenfort/ A Monsieur de Frölich/ Docteur en Medicine/ abzugeben im Lilienfelder Hof bei Herrn Woltinger bürgerlicher Stadthändler.

Brief: Klagenfurt den 23. 10. 1792.

Ihr letztes Schreiben an mich, mein Bester! war vom 14. September; zween meiniger Briefe sind seit der Zeit an Sie gelaufen; der eine vom 20. September, der andere vom 5. Oktober. Ich darf nicht zweifeln, daß Sie beyde ganz sicherlich empfangen haben; dessen ohngeachtet schweigen Sie! und ich müßte vermuthen, daß Sie entweder krank - oder vielleicht gar schon von Wien abgereist seyen, hätte mich nicht Graf Lezzel aus Berlin (: der vor einiger Zeit hier durchgereist ist :) des Gegentheils versichert. Was machen Sie denn? Daß Sie doch gar nichts mehr schreiben? Glauben Sie denn, daß mir Ihr Briefwechsel so gleichgültig sey? Sie mögen glauben, was Sie wollen; eher haben Sie von mir keinen Frieden zu hoffen, bis Sie wieder schreiben.

Haben Sie nicht große Augen gemacht, bey der überschickten Pedicularis flammea? Sehen Sie, wie ich von Tyrol aus betrogen wurde! Nicht nur allein ist sie die flammea nicht, sondern sie kann auch keine[?] andere sein, als bloß ein verkürztes Stück der P. verticillata L.


In Bezug auf die Frölichia caricoides wäre ich nun so ziemlich mit Schrebern einig; den einzigen Umstand ausgenommen, daß er sie pro planta monoica hält, da sie mir im Gegentheil hermaphroditica zu seyn scheint, videntur enim mihi tres illae interiores glumae, pistillum una, triaque stamina in communa circum sistere et includere; da Schreber hingegen ex Villarsii sententia et figura zu glauben scheint, quod glumarum una solum involvat pistillum dum in aliis binis tria separatim stamina nidulentur. Wie lautet nun Ihre Bemerkung darüber?

Briefempfänger Josef Aloys Frölich (1766-1841)

Ein ganzes halbes Jahr sind Sie nun bereits in Wien! Wieviele Schätze werden Sie da gesammelt haben! Ihr außerordentlicher Fleiß, und Ihr scharfes Aug sind mir zu Genüge bekannt; aber Ihre Freundschaft allein ist mir Bürge, daß ich doch auch einigen Theil daran nehmen werde. Sind sie endlich mit den Wienerischen Gelehrten in näherer Verbindung, und Freundschaft? Aus einer Stelle Ihres letzten Briefes sollte ich, (: denke ich :) so etwas vermuthen. Diese Herren müßten doch äußerst ungerecht seyn, wenn sie ihr Stolz oder Neid so sehr verblendete, das wahre Verdienst zu mißkennen. Je finsterer sonst die Nacht ist, desto heller kömmt uns der Glanz der Flammen vor. Nur stockblind muß man seyn, oder die Augen geflißentlich schließen, wenn man Sie verkennen kann. Haben Sie Jaquins botanischen Vorlesungen beygewohnt? Kommen Sie nun öfters zu ihm? Wissen Sie nicht, ob er seine Collectanea noch ferners fortsetzen werde? Aus Schrebers Briefe sollte ich glauben, daß kein 5ter Theil mehr Collectaneorum austriacorum erscheinen werde; doch habe ich davon keine Gewißheit, weil Jaquin äußerst selten (: zweimal in drei Jahren :) schreibt. Aber mir liegt viel daran, dieses gewiß zu wissen; und ihn selbst will ich nicht unmittelbar darüber schriftlich fragen; daher würden Sie mir einen sehr großen Gefallen leisten, wenn Sie sich dessen unter der Hand erkundigten, und mir sogleich Bescheid darüber erstatteten, damit ich bald etwas zusammenschrieb, um, woferne er wieder etwas zum Drucke begehrte, ihm damit sogleich aufwarten zu können; da er gemeiglich nur erst damals etwas zu begehren pflegt, wo er schon anfängt drucken zu lassen, oder doch im Begriffe ist, etwas zu Tag zu geben. Sollten nun aber die Collectanea nicht mehr fortgesetzt werden, würde ich auf eine andere Arbeit denken. Was macht der liebe Herr Hoost? Hat er bereits seine Gräser herausgegeben? Schranks Flora Salisburgensis wird Ihnen wohl schon zu Gesichte gekommen sein? Glückliche Leute, die in wenig Wochen eine Flora im Stande sind zusammenzuschreiben!

Wie steht es mit den Euphorbiis austriacis? Sie werden doch meinem Verlangen Genüge gethan haben und dieselben alle (: auch für mich von einer jeden etliche Stücke :) gesammelt haben? Sie wissen, daß Jaquin beide: Die E. Esulam und E. Gerardianam rezensiert habe; wissen auch ex Mantis., daß E. Gerardiana nichts anderes als E. Esula L. seyn; und möchte ich Jaquins E. Esulam, und E. Gerardianam sehen. Esper ist, seiner Aussage nach, mit den überschickten sertulariis im höchsten Grade zufrieden; und mich freuet es gleicherdings im höchsten Grade Ihrem Freunde mit dieser kleinen Wenigkeit einen Gefallen zu tun im Stande gewesen zu seyn.

A propos: Haben Sie mit Gräfern geredet? Noch fehlen dem Graf Enzenberg die zehn letzten Kupfertafeln (: illuminierte :) des dritten Bandes Hedwigscher Muscorum frondosorum, samt ihrem Texte; ich will sagen: 31. 32. 33. 34. 35. 36. 37. 38. 39. 40. Das Werk ist übrigens bis auf Gymnostomum microstonum inclusive ganz: treiben Sie den Mann doch, daß er diesen Band bald completier. Und nun für heute genug; Ich wünsche Ihnen ein glücklich neues Jahr, und bin ein - wie allemal mit vollkommenster Hochachtung und aufrichtigster Freundschaft

Bester Freund!
Ihr gehorsamster Knecht
Xavier W u l f e n

BRIEFKOMMENTAR. Wulfen schreibt Frölich als Docteur de Medicine an; dieser ist Student und noch nicht promoviert. Lilienfelder Hof ist der Wiener Stadthof des kurz zuvor aufgehobenen niederösterreichischen Zisterzienserstifts Lilienfeld unweit der alten Wiener Universität (heute Erster Bezirk, Ecke Weihburggasse/Liliengasse), wo Frölich wohl wohnt. Zween meiniger Briefe: Die Briefe Wulfens vom 20. September und 5. Oktober 1792 sind verschollen. Ein ganzes halbes Jahr sind Sie nun bereits in Wien! Wieviele Schätze werden Sie da gesammelt haben! Gemeint sein dürften Schätze des Wissens. Ferner Pflanzen, die Frölich in Wien und Umgebung sammelt etwa vom heute überbauten Gatterhölzl bei Schönbrunn, aus der Brigittenau in den Auen der damals noch unkanalisierten Donau, von der Türkenschanze, aus Schwechat, Grünzing (= Grinzing), vom Kahlenberg, aus Baden, Wiener Neustadt, vom dem Wiener Schneeberg und anderen Orten, erhalten im Herbar der Universität Tübingen und im Leiner-Herbar des Bodensee-Naturmuseum Konstanz (Hermann & Dienst 2004, Hermann 2004). Vom Gatterhölzl findet man in Tübingen die schönblühende, sumpfwiesenbewohnende Distel Cirsium canum, welche Frölich unter dem Namen Cnicus canus in sein Herbar einlegt. Haben Sie Jaquins botanischen Vorlesungen beygewohnt? Frölich hört die botanischen Vorlesungen von Nikolaus Jacquin, wovon auch Nestlen (1904) berichtet.

 

Wulfen benutzt die Werke des schwedischen Naturforschers Carl Linné. Dieser stellt aus barockem Geist ein System der Natur auf, ordnet in dieses die Formenfülle der Organismenarten ein, beschreibt sie und verleiht ihnen wissenschaftliche Namen. Wulfen vergleicht eine Läusekrautart, die Linné Pedicularis flammea nennt, ordnet dieser Art Pflanzen seiner Sammlungen zu und beschreibt sie in einem Werk von Jacquin (1781: 57) unter Linnés Namen. Doch gehören seine Pflanzen einer anderen, bisher unbekannten Art an! Diese darf nicht gleich (homonym) benannt werden wie von Linné, der nächstjüngere Name Pedicularis oederi ist zu benutzen, von Vahl 1806 aufgestellt. Die Art wächst in Mitteleuropa auf fetten, humusreichen Alpenweiden zwischen 1600 und 2400 Metern Meereshöhe. - Im Namen der Wulfen zugesandten Pedicularis verticillata L. bedeutet das von Wulfen zugesetzte Autorenkürzel L., dass Linné die Art unter diesem Namen beschreibt. Wer und warum man Wulfen eine Pflanze dieser Art aus Tirol in betrügerischer Absicht sendet, wissen wir bisher nicht.

Froelichia caricoides = Kobresia myosuroides
aus Schlechtendal (1881: Tafel 440)

Froelichia caricoides benennt Wulfen eine Pflanzenart und hat mit Schreber darüber korrespondiert. Beide sind sich ziemlich einig, dass sie gleich der von Villars beschriebenen Art Carex myosuroides ist. Doch kann sie nach Wulfens Meinung nicht in die Gattung Carex gestellt werden, ist bloß carexähnlich, daher wählt er den Namen caricoides und stellt die neue Gattung Froelichia auf. Heute wird diese Art in die Gattung Kobresia gestellt und heißt Kobresia myosuroides (Vill.) Fiori. Deutsche Namen sind Europäisches Nacktried, Nacktried, Ährenried, Nacktriedsimse, Ähren-Schuppenried oder Ährensegge. Wächst auf den Alpen in Höhen von 1800 bis 3100 Metern. Gang der Entdeckung und Benennung:

1. Carex myosuroides Vill. 1787. Villars (1787: 194f., Tafel VI) entdeckt die neue Art und publiziert sie als Erster. Sein erwählter Name ist Basionym, erster wissenschaftlicher Name. 2. Unter dem Synonym Froelichia caricoides Wulfen ex Roemer & Schultes publizieren 1817 die zwei zu letzt geannten Autoren dieselbe Art anhand einer ungedruckten Beschreibung oder Diagnose Wulfens, was das Wort ex bedeutet. Doch wissen sie offensichtlich nicht, dass die Art schon dreißig Jahre vorher Villars unter einem anderem Namen beschrieben hat, dass zudem Moench bereits 1794 den Gattungsname Froelichia für eine Gattung der Amaranthaceen vergeben hat, dass er nicht mehr frei ist für eine neue Cyperaceengattung. 3. Unter dem neuen Namen Kobresia myosuroides (Vill.) Fiori 1896 stellt Fiori die Art in die Gattung Kobresia, der Name des Erstautors Villars = Vill. tritt in Klammer, heutiger als korrekt angesehener wissenschaftlicher Name.

Das Bild links zeigt die Blütenstände des Nacktrieds. Die zwei Gesamtblütenstände, die die Pflanze links trägt, werden Ähren genannt. Jede Ähre setzt sich aus Einzelblütenständen zusammen, Ährchen genannt. So ein Ährchen ist unten in der Mitte abgebildet und enthält eine weibliche Blüte mit Stempel (pistillum) und eine männliche Blüte mit drei Staubblättern (stamina) und wird von einem Tragblatt getragen, das beide scheidig umhüllt (Rückansicht mit weißen Blatträndern). Jede der beiden verschiedengeschlechtlichen Blüten wiederum wird von je einem Deckblatt getragen, das sie voneinander trennt. Die Art trägt getrenntgeschlechtliche Blüten auf demselben Pflanzenindividuum, ist einhäusig oder monözisch, jede Pflanze eine planta monoica, wie Villars und Schreber nach Wulfens Brief (richtig) sagen. Wulfen aber hält die drei im Ährchen vorhandenen Blätter, nämlich ein Tragblatt und zwei Deckblätter, für drei Blütenblätter (glumae) einer gemischtgeschlechtlichen Blüte und glaubt, eine zwittrige Pflanze planta hermaphroditica vor sich zu haben. Doch ist er sich seiner (unrichtigen) Meinung nicht sicher und fragt Frölich nach seiner Bemerkung.

Was macht der liebe Herr Hoost? Nicolaus Thomas Host (1761-1834) ist kaiserlicher Leibarzt und Lehrer am Wiener Collegium Theresianum. Die Frage dürfte folgendes implizieren (Klemun 1984): Wulfen entdeckt 1779 eine neue Pflanzenart am Nordhang des Gartnerkofels (Kühweger Alm) in den Karnischen Alpen Kärntens. Jacquin beschreibt und benennt sie 1781 Wulfenia carinthiaca nach ihrem Entdecker, deutsch Wulfenie oder Kärntner Kuhtritt. Am 11. Januar 1804 teilt Wulfen in einem Brief Schreber mit, Frölich habe ihm geschrieben, "dass Host überall laut sage, es gebe nur eine Poderota Carniolica, aber keine Wulfenia Carinthiaca". Stellt Host die neue Art nur mit der Absicht in die Gattung Poderota, den Namen des Entdeckers Wulfen auszutilgen? Andere Botaniker folgen Host nicht. Die Gattung Wulfenia besteht bis zum heutigen Tag. Hosts Gräser erscheinen in vier Bänden 1801 bis 1809.

Schranks Flora Salisburgensis.
.. Glückliche Leute, die in wenig Wochen eine Flora im Stande sind zusammenzuschreiben! Um die Flora einer Gegend zu entwerfen, brauchen Botaniker gewöhnlich viele Jahre des Beobachtens und Sammelns, denn sie sollten zu allen Jahreszeiten an allen wichtigen Orten gewesen sein. Wulfens Flora norica phanerogama etwa, die Blütenpflanzen Kärntens enthaltend, bringen erst lange nach Wulfens Tod 1858 Fenzl und Graf gedruckt heraus. Weil der bayerische Professor Schrank weniger Zeit aufwendet, benennt er sein Werk "Primitiae Florae Salisburgensis" von 1792 einen Erstling für eine solche Flora.

Nikolaus Jacquin (1727-1817)
im Jahr 1784, Lehrer Frölichs.

Collectaneorum austriacorum: Das von Wulfen zitierte Werk Jacquins trägt den Titel "Collectanea ad botanicam, chemiam et historia naturalem spectantia, cum figuris". Der vierte Teil erscheint 1790, ein fünfter von Wulfen erwarteter Teil kommt 1796. Hedwigscher Muscorum frondosorum: Das sind die Laubmoose von Johann Hedwig (1730-1799) mit dem Titel "Descriptio et adumbratio microscopico-analytica muscorum frondosorum". Diese erscheinen 1789 bis 1797 in vier Bänden mit jeweils 40 Tafeln im Folioformat. Die letzten zehn Tafeln des dritten Bandes von 1791 (Exemplar der Universitätsbibliothek Tübingen, 1792 nach Pritzel) fehlen noch dem Grafen Franz Josef von Enzenberg (1747-1821). Gräfer, ein Wiener Buchhändler, soll sie liefern. Frölich dürfte gut informiert sein, denn auf der noch fehlenden Tafel 40 des dritten Bands erscheint das Moos Splachnum froelichianum. Diese neue Moosart hat Frölich in den Alpen entdeckt, Proben Hedwig gesandt und dieser benennt die heute Tayloria froelichiana genannte Art nach dem schwäbischen Studenten. Proben, die Frölich für sich selbst behalten hat, sind im Herbarium der Universität Tübingen erhalten.

Wie steht es mit den Euphorbiis austriacis? Es geht um österreichische Wolfsmilchgewächse. Wulfen sagt, Jacquin habe Euphorbia esula und Euphorbia gerardiana rezensiert, also nachgeprüft, was unter diesen Namen zu verstehen ist, und zur Auffassung gelangt, unter den zwei verschiedenen Namen seien zwei verschiedene Arten zu verstehen. Doch entnimmt Wulfen der Mantissa plantarum Linnés, dass dies bloß zwei verschiedene Namen für die gleiche Art sein sollen, also Synonyme. Heute gilt die Steppen-Wolfsmilch Euphorbia gerardiana, von Jacquin 1778 unter diesem Namen beschreiben, aber aus Prioritätsgründen Euphorbia seguieriana Necker 1770 zu benennen, als eine andere Art als die Esels-Wolfsmilch Euphorbia esula Linnés von 1753.

Esper ist, seiner Aussage nach, mit den überschickten sertulariis im höchsten Grade zufrieden. Wulfen hat dem Erlanger Zoologen Hydropolypen = Sertulariae geschickt.

Xavier Wulfen unterschreibt diesen und seine weiteren 19 Briefe an Frölich mit Xavier. Diese von ihm gebrauchte Schreibweise seine Vornamens sollte satt Xaver künftig benutzt werden (so wie Frölich alle seine Briefe mit Aloys unterschreibt, seine Schriften mit diesem Autorenvornamen tituliert, weswegen die Schreibweise Alois nicht mehr benutzt werden sollte).

BEDEUTUNG. Wie viele andere Botaniker vervollkommnen Wulfen und Frölich Linnés System der Natur und ergänzen es mit neu entdeckten Pflanzenarten (Taxonomie). Sie erforschen die Wohnorte der Pflanzen in ihrer räumlichen Gemeinschaft (Chorologie, Flora). Dazu sammeln sie Pflanzen, trocknen sie und tauschen sie aus. Wulfenische Pflanzen sind aus Frölichs Sammlungen in den Herbarien der Universität Tübingen und des Bodensee-Naturmuseums Konstanz erhalten, doch ohne Etiketten Wulfens; Artnamen trägt Frölich mit Vermerken wie "ex herbario Wulfenii" auf von ihm eingelegte Etiketten nach. Frölich legt Etiketten in die Bögen seiner 1791 bis 1793 in Wien gesammelten Schätze, die Wulfen anspricht, und beschriftet sie mit Artnamen und Fundorten. Er ist neben Jacquin und Host einer der wenigen, der damals Wien floristisch durchwandert, verglichen mit Neilreichs Wiener Flora (1848: LXI-LXII). Mit den in Wulfens Brief vorkommenden Botanikern des zu Ende gehenden Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation (als es eine politische Unterscheidung deutscher und österreichischer Botaniker noch nicht gibt) stehen Wulfen und Frölich in wissenschaftlicher Verbindung. Frölich kennt alle der in dem Brief vorkommnden Botaniker bis auf Hedwig persönlich. Die Korrespondenz des Kärntner Naturforschers Franz Xavier Wulfen mit dem jüngeren schwäbischen Naturforscher Josef Aloys Frölich hat auch interessante biografischen Aspekte.

Bio- und Bibliografisches. Seldner, Heinrich, Wilhelm Reichardt & Georg v. Frauenfeld (1867): Nachricht über eine der Gesellschaft von Thomas A. Bruhin mitgeteilten Abschrift eines Wulfen-Briefs vom 11. April 1798 an Frölich und Abdruck eines Auszugs daraus. - Verhandlungen der zoologisch-botanischen Gesellschaft Wien 17: 40-41. - Pritzel, Georg August (1872) : Thesaurus literaturae botanicae omnium gentium inde a rerum botanicarum initiis ad nostrae usque tempora. Quindecim millia operum recensens. Editio nova. - Leipzig (Brockhaus) 576 S. - Nestlen, Paul (1904): Josef Alois von Frölichs Wirken als Arzt und Naturforscher. Ein Beitrag zur Geschichte des württembergischen Medizinalwesens. - Medizinisches Correspondenzblatt des württembergischen ärztlichen Landesvereins 74 (32): S. 663-666, 74 (33): S. 687-691. - Hagberg, Knut (1940): Carl Linnaeus. Ein großes Leben aus dem Barock. Zweite Auflage. - Hamburg ( H. Goverts), 288 S. - Leute, Gerfried H. (1979): Ein Brief von Franz Xaver Freiherr von Wulfen im Landesmuseum für Kärnten in Klagenfurt. - Carinthia II, 169: S. 7-14. - Klemun, Marianne (1984): Arbeitsbedingungen eines Naturforschers im Kärnten des 18. Jahrhunderts am Beispiel Franz Xaver Wulfen. - Carinthia I, 174: S. 357-374. - Klemun, Marianne (1989): Franz Xaver Freiherr von Wulfen - Jesuit und Naturforscher. Die erste naturkundliche Bestandsaufnahme Kärntens. - Carinthia II, 179: S. 5-17. - Klemun, Marianne (1989): Die Editionsgeschichte der "Flora norica" Wulfens. - Carinthia II, 179: S. 19-28. - Hermann, Mike & Michael Dienst (2004): Herkunft und Alter der Pflanzen im Herbar des Bodensee-Naturmuseums Konstanz. In: Beiheft 1 der Berichte der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland: S. 47-53. - Karlsruhe, 278 S. - Hermann, Mike (2004): Bemerkenswerte Pflanzenbelege im Leiner-Herbar des Bodensee-Naturmuseums Konstanz. In: Dasselbe Beiheft: S. 185-191. - Karlsruhe, 278 S - Wolf, Hans (2004): Josef Aloys Frölich (1766-1841) und die Flora von Ostwürttemberg. - In: Beiheft 1 der Berichte der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland: S. 81-147. - Karlsruhe, 278 S.

Botanik. Linné, Carl (1767): Mantissa plantarum. - Stockholm (Laurentius Salvius), 142 S. + Index. -Villars, Dominique (1787): Histoire des plantes de Dauphine. Tome Second. - Grenoble (chez l'Auteur), 690 S. + 15 Tafeln. - Schreber, Johann Christian Daniel (1789-1791): Caroli a Linné Genera plantarum. Achte Auflage. - Frankfurt (Varrentrapp), XXXII + 872 S. - Jacquin, Nicolaus Joseph (1781): Miscellanea austriaca ad botanicam, chemiam et historia naturalem spectantia, cum figuris partim coloratis. Vol. II. - Wien (Officina Krausiana), 423 S. + 23 Tafeln. - Jacquin, Nicolaus Joseph (1790): Collectanea ad botanicam, chemiam et historia naturalem spectantia, cum figuris. Vol. IV. - Wien (Wappler), 359 S. + 27 Tafeln. - Schrank, Franz von Paula (1792): Primitiae Florae Salisburgensis. - Frankfurt (Varrentrapp), XVI + 240 S. + 2 Tafeln. - Moench, Konrad (1794): Methodus plantas horti botanici et agri Marburgensis a staminum situ discribendi. - Marburg (Libraria academica), 780 S. + Index. - Roemer, Johann Jakob & Joseph August Schultes (1817): Caroli a Linné Equitis Systema vegetabilium. Vol. II. - Stuttgart (Cotta), 964 S. - Neilreich, August (1846): Flora von Wien. - Wien (Fr. Becks Universitäts-Buchhandlung), XCII + 706 S. - Fenzl, Eduard & P. Rainer Graf (1858): Wulfens Flora norica phanerogamica. - Wien (Gerold), XIV + 816 S. - Schlechtendal, Diedrich Franz Leonhard v., L. E. Langethal & Ernst Schenk, revidiert und verbessert von Ernst Hallier (1881): Flora von Deutschland. Fünfte Auflage. Fünfter Band. Erster Teilband. - Gera-Untermhaus (Köhler), 207 S. + viele farbige Tafeln. - Fiori, Adriano & G. Paoletti (1896): Flora analtica d'Italia. Band 1 - Padua, 256 S. Auf S. 125 der heute gültige Name des Europäischen Nacktrieds. - Kosch, Michael (1992): Die Gattung Wulfenia Jacq. - ein Überblick. - Wulfenia 1: S. 27-33. - Wisskirchen, Rolf & Henning Haeupler (1998): Standardliste der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. - Stuttgart (Ulmer), 768 S. - Rothmaler, Werner (20065): Exkursionsflora von Deutschland. Band 4. - Heidelberg (Spektrum Akademischer Verlag), 981 S. - Fischer Manfred A., Karl Oswald & Wolfgang Adler (2008): Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. - Linz (Oberösterreichische Landesmuseen), 1392 S.